Politik : Renate Künast will keine Kandidatin von Fischers Gnaden sein

Joschka Fischer hat lange herumgebastelt[bis die]

Renate Künast will Vorstandssprecherin der Bundes-Grünen werden. Mit ihr sprachen Axel Bahr und Gerd Nowakowski

Joschka Fischer hat lange herumgebastelt, bis die alte Parteistruktur gefallen ist. Ist Ihre Kandidatur für den Vorstand eine von seinen Gnaden?

Vollkommener Quatsch! Ich entscheide so etwas selber, und ich bin in der Lage Ja und Nein zu sagen. Und ich stelle mir meine Bedingungen auch selber.

Ihre Ambitionen galten seit langem als offenes Geheimnis.

Ich habe eben jetzt erklärt, dass ich kandidiere. Worüber ich nachdenke und wie lange, ist vollkommen egal. Die Gerüchteebene musste beendet werden, nachdem am Montag der Bundesvorstand beschlossen hat, mit welchem Antrag er in die Bundesdelegiertenkonferenz im März gehen will.

Können Sie sich einer Mehrheit sicher sein?

Sicher ist man, wenn das Stimmenergebnis bekannt gegeben wird. Es gibt zwei Hürden. Die eine ist: Wird es auf der Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) im März eine Zweidrittelmehrheit zur Satzungsänderung geben, die beinhaltet, den Parteirat nach einem Jahr wieder aufzulösen und ein schlagkräftigeres Präsidium mit mehr Kompetenzen zu installieren? Schauen wir mal, was das Ergebnis ist. Wenn die BDK den Weg frei macht, dann werfe ich meinen Hut in den Ring, aber ich fühle mich auch Berlin verpflichtet.

Werden Sie mit Fritz Kuhn gegen Frau Röstel und Frau Radcke antreten?

Ich kann nur für mich selber antworten, nicht für andere. Und zweitens, ich kandidiere nicht gegen irgendjemand, sondern ich meine, die Qualifikationen und die Lust für diesen Job zu haben. Und ich will mich mit der Partei hinsetzen und weit vor der nächsten Bundestagswahl mit einer gründlichen Erneuerung der Grünen beginnen: inhaltlich, strukturell und personell.

Was können Sie besser als Frau Röstel oder Frau Radcke?

Das ist für mich nicht die Frage. Nach der langen parlamentarischen Erfahrung in Berlin bringe ich einiges an professionellem Vorgehen mit. Ich habe eine Vorstellung davon, mit welchen Inhalten wir uns beschäftigen müssen. Das ist der Wandel der Gesellschaft durch Globalisierung, der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft und die Tatsache, dass sich die Jugend heute ganz neue und andere Fragen stellt. Da ist ein Schwerpunkt, den ich anpacke - egal in welcher Funktion.

Sie wollen den Nachwuchs für die Grünen gewinnen. Aber selbst in Berlin ist Ihnen das bisher nicht gelungen.

Das gilt für einen Großteil der Partei. In allen Ebenen müssen wir die Jugend gewinnen. In Berlin haben wir damit angefangen, unsere Arbeitsformen zu ändern. Die Frage ist: Mit welchen Methoden können wir Jugendliche ansprechen und ihnen die Möglichkeit geben, politisch zu arbeiten?

Gibt es über die Fragen hinaus auch ein paar Antworten dazu?

Bisher ist es oft so, dass Jugendliche sich abgeschreckt fühlen durch die Strukturen bei uns, weil sie hier auf ihre Lehrer und Professoren treffen, die mit ihren alten inhaltlichen Kategorien die politische Diskussion bestimmen. Wir müssen Foren einrichten, um mit Jugendlichen über ihre Fragen zu sprechen: über Bildungspolitik, was muss an den Universitäten passieren, was heißt eigentlich Dienstleistungsgesellschaft für die Ausbildung und die nötige Qualifikation? Wir müssen andere Formen finden, das zu diskutieren. Wir müssen in die Universitäten gehen und uns dort erkundigen. Genau das werden wir in Berlin auch tun.

Ist die PDS bei der Jugend eine ernsthafte Konkurrenz?

Ich halte die Schnittmenge Grüne / PDS für kleiner, als manche glauben wollen. Die PDS gibt sich zwar ein sehr linksliberales Image, betreibt aber eine Sozialdemokratisierung und hat große konservative Elemente.

Stichwort PDS. Wird das Thema Kooperation / Koalition an bundespolitischer Bedeutung gewinnen?

In den nächsten Jahren bleibt das ein Länder- und Kommunalthema, und zwar auch in Richtung CDU. Schwarz-grüne Kooperationen gibt es in Kommunen, Baden-Württemberg wird sicherlich irgendwann wieder eine Schwarz-Grün-Debatte haben. In den neuen Bundesländern oder in Berlin stellt sich das in beide Richtungen.

Die Grünen in den östlichen Bundesländern - auch durch die Person Röstel - zu stärken, ist gründlich misslungen. Welche Fehler sind gemacht worden?

Das war kein Fehler von Gunda Röstel. Wir haben in zwei Bereichen nicht genug getan, das ist der ganze Bereich der Hochschulen, von den Professoren bis zu den Studierenden. Und auch die Frauenpolitik wurde vernachlässigt. Das sind zwei große Personenkreise in den neuen Bundesländern, die nach der Wende phasenweise fast heimatlos waren.

Frau Künast, Sie waren im letzten Jahr für viele Posten im Gespräch. Ist das die letzte Chance, zu höheren Weihen zu gelangen?

Das wäre ja fast ein Schlag ins Gesicht aller 44-Jährigen in dieser Stadt. Ich denke nicht in diesen Kategorien. Mit 44 bin ich eine Frau im besten Alter. Mir steht alles offen. Politisch, beruflich.

Werden Sie den Fraktionsvorsitz der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus behalten?

Das Huhn, das dieses Ei legen könnte, ist noch nicht einmal geschlüpft.

Ist Ihnen nach mehr als 15 Jahren die Landespolitik langweilig geworden?

Langweilig bestimmt nicht. Aber eines ist natürlich klar, rein persönlich stößt man hier nach 15 Jahren natürlich an seine Entwicklungsgrenzen.

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