Politik : Rentendebatte: Kids are not alright (Kommentar)

Kostas Petropulos

Die Jungen wollen raus. Raus aus dem bisherigen Generationenvertrag, der der gesetzlichen Rentenversicherung zu Grunde liegt. Sie fühlen sich von den Alten über den Tisch gezogen. Und zwar zu Recht. Und trotzdem ist das nur die halbe Wahrheit.

Gewiss, die Jüngeren müssen entweder enorm hohe Beiträge entrichten oder ihre künftige Rente wird spürbar zusammengestrichen werden. Ganz sicher ist, dass die Rendite für ihre eingezahlten Beiträge deutlich niedriger als bei den heutigen Ruheständlern liegen. Banken und Lebensversicherungen werden nicht müde, dies den Jüngeren vorzurechnen. Weg mit der staatlich verordneten Zwangssolidarität, her mit mehr privater Vorsorge über gewinnversprechende Aktien- oder Pensionsfonds lautet die Devise bei den Nachwachsenden.

Der (Teil)Ausstieg aus dem heute praktizierten Umlagesystem ist eine Tatsache. Denn der Geburtenrückgang wird dazu führen, dass immer mehr Alte von immer weniger Jungen versorgt werden müssen - Pflege und Krankenversorgung inklusive. Der Grund: Die Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung sind kein Mittel zur Absicherung der heute Erwerbstätigen im Alter. Das abgeführte Geld wird sofort wieder an die Elterngeneration der heute Aktiven ausbezahlt. Wieviel Rente die heute Beschäftigten erhalten, hängt allein von der Leistung der nachwachsenden Generation ab - und von deren Willen, ihre künftigen Erträge mit den Ruheständlern zu teilen.

Kurzum: Die sinkende Bereitschaft der jungen Generation, Kinder groß zu ziehen, ist eine zentrale Ursache für die Rentenkrise. Fachleute wie der Darmstädter Finanzwissenschaftler Bert Rürup halten sinkende Geburtenraten für eine geradezu naturgesetzliche Entwicklung in hochindustrialisierten Gesellschaften, die praktisch nicht beeinflussbar sei. Stimmt das wirklich? Es gibt eine paar Zahlen, die dagegen sprechen. Junge Leute wollen im Durchschnitt zwei Sprösslinge, tatsächlich kommen aber nur 1,3 Kinder zur Welt. Deshalb muss eine Frage in den Mittelpunkt rücken, die bei der Rentendebatte meist vergessen wird: Welche Rahmenbedingungen hindern junge Menschen daran, ihre Kinderwünsche auch zu verwirklichen? Auch Rentenpolitik lässt sich nicht von Familien-, Kinder-, Jugend-, Bildungs-, Ausbildungspolitik und den Zugangsmöglichkeiten zu Erwerbsarbeitsmarkt ablösen - und letztere sind die eigentlichen Zukunftsfragen.

Eine nüchterne Bestandsaufnahme in all diesen Bereichen fördert beunruhigende Fakten zu Tage. So werden junge Paare mit der Entscheidung für Kinder immer häufiger an den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rand gedrängt - das zeigt nicht nur der einsame Spitzenplatz von Kindern in der Sozialhilfestatistik. Die betrieblichen Anforderungen an die Eltern wachsen, gleichzeitig werden soziale Netzwerke wie Verwandtschaft oder Nachbarschaft durch beruflich bedingte Mobilität immer löchriger. So werden Zeit, Zuwendung und Förderung für Kinder in immer mehr Familien zum Luxus. Das setzt sich in übervollen Kindergärten und Schulklassen fort. Unterrichtsausfall und vergreisende Kollegien an Schulen und Hochschulen, die im Dauer-Überlastbetrieb arbeiten müssen, kommen hinzu.

Dazu passend arbeiten renditebewusste Unternehmen gemäß der "Shareholder"-Ideologie nur noch mit "schlanken Belegschaften", die regelmäßig einen gigantischen Berg an Überstunden auftürmen, und betreiben eine Personalpolitik nach dem Just-in-Time-Prinzip. Lehrstellenmangel, Jugendarbeitslosigkeit und Beschäftigung von Berufseinsteigern auf Dumpingniveau (z.B. die Kürzung der Bezüge bei Junglehrern) bei zunehmender zeitlicher Befristung dieser Jobs komplettieren das Bild.

So werden Kinder schnell zu einem Risiko, das viele scheuen. Die Fachleute des 10. Kinder- und Jugendberichtes der Bundesregierung schreiben dazu nüchtern: "Diese Situation macht es vernünftig, dass Paare sich auf zwei oder nur ein Kind pro Elternpaar beschränken, weil sie sich außerstande sehen, für mehr Kinder Wohnraum, Betreuung und gute zusätzliche Bildungschancen zu finanzieren und selber genug Zeit und Energie den Verhältnissen abringen zu können, um ihren Wünschen nach einer engen Beziehung zu dem Kind und ihren persönlichen Anforderungen an ein befriedigendes Leben gerecht zu werden."

Und nun? Sicher muss die Rentenversicherung reformiert werden. Nach der Logik des Umlagesystems sind die Rentenbezüge von kinderlosen Ruheständlern schlicht überhöht. Zudem fragt sich, warum die Finanzierung der Renten nur jene tragen, die der gesetzlichen Rentenversicherungspflicht unterliegen. Vor allem aber hat die heute aktive Generation in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zusammen mit den leistungsfähigen Ruheständlern die Pflicht, Bedingungen zu schaffen, die es jungen Menschen erlauben, Kinder in die Welt zu setzen. Ohne Kinder keine Zukunft, das klingt archaisch. Doch diese Regel gilt noch immer - selbst in unserer modernen, hochproduktiven Industriegesellschaft mit ihrem umfangreichen sozialen Sicherungsystemen.

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