• Rentenreform: Auch Amerika muss Löcher stopfen: Die vollen Social-Security-Leistungen gibt es künftig erst mit 67 Jahren

Politik : Rentenreform: Auch Amerika muss Löcher stopfen: Die vollen Social-Security-Leistungen gibt es künftig erst mit 67 Jahren

Robert Rimscha

Ein Renten-Problem? Die Deutschen wären froh, wenn sie das amerikanische hätten. Denn jährlich macht die US-Renten-Kasse ein Plus von über 100 Milliarden Dollar. Erst 2015 werden aus den Überschüssen Defizite. Und erst 2037 sind die Vorräte aufgebraucht. Doch für hitzige Debatten und heftigen Polit-Zank reicht das allemal.

Ihren Staat mögen die Amerikaner bekanntlich nicht besonders. Ein Programm der Bundesregierung ist indes allseits beliebt: "Social Security", die Rente. Weil der langfristig das Aus droht, ist die Rente zum führenden Wahlkampfthema geworden. George W. Bush will ein paar Prozent der Beitragszahlungen in individuelle Pensions-Konten einzahlen lassen - eine Teilprivatisierung, über die erbittert gestritten wird. Al Gore will die Solvenz der Bundes-Rentenkasse sichern, indem er Amerikas Bundesschuld zurückzahlt. Die gesparten Zinsen sollen dann in die Rentenkasse fließen.

Wie strukturell schlecht es um diese bestellt ist, hat das Volk gerade drastisch vor Augen geführt bekommen. Der Schock kam mit der Post. "Die Rente war nie als einzige Form der Alterssicherung gedacht", stand in einem Schreiben, das im Herbst 1999 an alle amerikanischen Haushalte ging. Absender war die "Social Security Administration", die 1935 gegründete Bundesbehörde für die Verwaltung von Alters-, Arbeitsunfähigkeits- und Witwen-Rente. Amerikas Renten-Planer warnen das Volk. Noch neigen beide Parteien dazu, Haushaltslöcher durch den Griff in die Rentenkasse zu stopfen, doch dies ist nicht das Hauptproblem. Das Altern der Amerikaner ist es. Gegenwärtig sind 35 Millionen US-Bürger über 65. Im Jahr 2030 werden es 70 Millionen sein. Dann gilt auch für die USA: Immer weniger im Arbeitsleben Stehende müssen immer mehr Senioren versorgen.

Und Amerika altert früher als Deutschland. Die "Baby Boomer" kamen in den USA direkt nach dem Zweiten Weltkrieg. Deutschlands geburtenstarke Jahrgänge erblickten zwei Jahrzehnte später, Mitte der 60er, das Licht der Welt. In Amerika ist es die Clinton-Generation, die bald mit dem Pensionärsleben beginnt und damit die Rentenkasse aus der Balance bringt.

45 Millionen Amerikaner beziehen "Social Security"-Leistungen. Im Schnitt beträgt die Höhe der monatlichen Rente 780 Dollar. In Deutschland sind es rund 1900 Mark. Der Höchstbetrag liegt bei 1373 Dollar. Berechnungsgrundlage ist nicht das Einkommen der letzten Verdienstjahre vor dem Ruhestand, sondern das gesamte Lebenseinkommen. Mit 65 hatte man bislang Anspruch auf die volle Leistung. Wer früher, ab dem Lebensalter 62 ist dies möglich, in Rente geht, hat Abstriche in Kauf zu nehmen. Grundlage des Systems ist nicht, wie in Deutschland, ein Generationenvertrag, bei dem die Jungen für die Alten zahlen - der Kerngedanke ist das staatlich verordnete Sparen für die eigene Alterssicherung.

Als ersten Schritt zur Streckung der Solvenz hat der US-Kongress vor zwei Jahren beschlossen, das Mindestalter für die Vollrente heraufzusetzen. Massenproteste gab es dagegen nicht. Wer nach 1960 geboren wurde, kann erst mit 67 Jahren in den Genuss der vollen Zahlung kommen. Und auch die Abschläge für einen früheren Eintritt ins Rentnerleben wurden hochgesetzt. Wer 1937 geboren wurde und mit 62 statt 65 in Rente ging, erhält 20 Prozent weniger. Wer nach 1960 geboren wurde und sich mit 62 statt 67 zur Ruhe setzt, muss mit 30 Prozent weniger auskommen.

Die heftigste politische Debatte dreht sich nicht um Bemessungsgrenzen und Beitragssätze (6,2 Prozent des Lohn- oder Gehaltsschecks als Arbeitnehmeranteil, dieselbe Summe als Arbeitgeberanteil), sondern um die Anlage des Geldes. Denn die "Social Security" verzinst die Einlagen nicht ordentlich, die Rendite liegt bei mageren 2,2 Prozent. So liegen Clinton Entwürfe verschiedener Beratergremien vor, die alle, wie Bush, eine Teilprivatisierung vorschlagen und darüberhinaus anregen, einen gewissen Prozentsatz des Rentenfonds am Aktienmarkt zu investieren. Der libertäre Thinktank "Cato" ist am radikalsten und betreibt erbitterte Lobbyarbeit für die Totalprivatisierung. Drei Landkreise in Texas, die in einem Modellversuch vor 19 Jahren aus der Pflichtversicherung ausgestiegen sind, haben gute Erfahrungen gemacht - freilich in Zeiten stetig steigender Börsenkurse.

Dass die Social Security Administration die Bürger nun warnt, sich nicht allein auf die staatliche Rente zu verlassen, hat andere Gründe: Die Amerikaner sparen viel zu wenig; der durchschnittliche Privathaushalt hat enorme Schulden, von Kreditkarten bis zu Hypotheken. Für das Alter legt kaum jemand etwas zurück. Und die meisten unterschätzen, was sie zu einem angemessenen Lebensstil brauchen. Amerikas Rentenplaner schätzen, dass nur 15 Prozent der US-Bürger richtige Vorsorge treiben.

Doch eben jene ist nötig. Die Durchschnittsrente von 780 Dollar im Monat reicht hinten und vorn nicht und wird meist durch zusätzliche Leistungen aus den betrieblichen Pensionskassen aufgebessert. Seit der Einführung der "Social Security" durch Präsident Roosevelt ist der Anteil der Armen unter den Alten auf die Hälfte gedrückt worden. Heute aber ist, wer allein auf die Rente angewiesen ist, fast zwangsläufig arm. In dem vierseitigen Brief, der in jedem US-Briefkasten lag, stand denn auch: "Social Security ist lediglich als Teil aller Einkünfte im Rentenalter gedacht."

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