Politik : Rentenreform: Schreck aus dem Briefkasten

Rainer Woratschka

27-Jährige haben anderes im Kopf als ihre Rente. Doch die Zeiten fröhlicher Unwissenheit sind bald vorbei. Vom Jahr 2004 an flattern ihnen unangefordert - und hinfort jährlich bis zum 65. Geburtstag - Hochrechnungen ihres Rentenversicherers ins Haus. Die Versicherten erfahren auf Euro und Cent, wie hoch ihre Rente ausfällt, wenn sie so weitermachen wie im Durchschnitt der vorangegangenen fünf Jahre. Sie bekommen alle bisher bezahlten Beiträge samt Versicherungszeiten dokumentiert. Und sie dürfen auch über die lächerlich gering erscheinende Summe erschrecken, die ihnen "heute bei voller Erwerbsminderung" zustünde.

Bislang erhalten Versicherte, die sich nicht darum kümmerten, gerade zweimal einen Einblick in ihr Rentenkonto - im 42. und im 54. Lebensjahr. Nun bekämen sie regelmäßig und deutlich früher "die Möglichkeit, ihre jeweiligen Entscheidungen im Rahmen des Aufbaus der kapitalgedeckten Altersvorsorge zu überprüfen und gegebenenfalls die weitere Anlagestrategie im Hinblick auf das für das Alter gewünschte Versorgungsniveau zu optimieren", sagt Andreas Polster vom Verband Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR). Normalerweise redet er nicht so verquast - aber hier gilt es, eine Gesetzesbegründung zu zitieren. Schließlich hat Vater Staat den Rentenversicherungsträgern mit der neuen "Informations- und Beratungspflicht" eine Zusatzaufgabe beschert, die sich gewaschen hat. Beispiel Rentenhochrechnung: Bei rund 42,3 Millionen Versicherten zwischen 27 und 65 müssen pro Tag 169 000 individuelle Infos ausgedruckt, eingetütet und versandt werden. "Wenn sich dann auch noch alle beraten lassen wollen, bekommen wir ein Problem", befürchtet der VDR-Referent.

Dahinter steht der Vorsorgeappell. Zusatzversicherungen werden staatlich gefördert und sollen künftigen Ruheständlern die immer magerer werdende gesetzliche Rente aufbessern. Je mehr Versicherte sich privat umtun, desto geringer der politische Druck auf die Rentenkasse. Und mehr Transparenz, so ist beim VDR zu hören, könne auch dem eigenen Ruf nicht schaden. Nach dem Motto "hohe Beiträge, kaum noch Leistungen" sei die gesetzliche Rente ja allseits schlechtgeredet worden. Jetzt sähen die Versicherten eben auch, "dass von nichts nichts kommt".

Die Zusatzrolle als Renten-Ratgeber empfinde man "nicht als leidige Pflicht, sondern als Herausforderung", beeilt sich Polster zu versichern. "Wir können uns jetzt als Dienstleister profilieren." Ob Infos zur neuen Grundsicherung oder Vergleichsberechnungen zum gut gemeinten, womöglich aber gar nicht so rentablen Rentensplitting: Mit geballter Aufklärung sollen die Rentenversicherer Schwellen abbauen und die besten Leistungsvarianten herausfinden.

Vor dem wichtigsten Thema indessen, dem kaum durchschaubaren Angebotsdickicht staatlich geförderter Privatvorsorge, graust es die Berater. "Wir ahnen jetzt schon, dass wir die Versicherten enttäuschen müssen", sagt VDR-Geschäftsführer Franz Ruland. "Wenn wir über die Vor- und Nachteile von Angeboten reden, sind wir ganz schnell bei Rendite-Erwartungen." In den Wettbewerb der Anlageformen dürfe sich der Verband der Rentenversicherer aber nicht einmischen.

Nach einer aktuellen Umfrage wollen sich zwei Drittel der Berufstätigen eine Zusatzrente sichern. Doch welches Angebot ist seriös, wie lässt sich das Spektrum vergleichen? Selbst die geplante Zertifizierung beim Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen sei "kein Gütesiegel", warnt der VDR. Und klagt darüber, der gewaltigen Werbekampagne seitens geschäftstüchtiger Privatversicherer "nichts entgegensetzen" zu können.

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