Reparationsstreit mit Griechenland : Volker Kauder vergreift sich im Ton

Über die Instrumentalisierung der Nazi-Verbrechen durch die Griechen kann man sich ärgern. Doch Unionsfraktionschef Volker Kauder sollte in der Debatte über Reparationen auf seine Wortwahl achten. Ein Kommentar

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Alles ausgestanden? Unionsfraktionschef Volker Kauder.
Alles ausgestanden? Unionsfraktionschef Volker Kauder.Foto: dpa

Im gegenwärtigen Wettstreit darum, wer den unverschämten Griechen am deftigsten Paroli bietet, kommt deutschen Politikern zunehmend das Maß abhanden. Selbst, und das ist besonders erschreckend, im mühsam erlernten Umgang mit unserer historischen Schuld. Die Entschädigungsforderungen Griechenlands für die von den Nazis verübten Verbrechen seien "ausgestanden", sagt Volker Kauder. Es gebe "keinen Anspruch", die Griechen sollten sich lieber "mal mit ihrer Hausaufgabe beschäftigen und nicht immer woanders Schuldige suchen".

Kauder ist parteipolitisch kein Rechtsaußen, er ist der Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag. Und er hat - natürlich - auch das Recht, sich zu ärgern. Darüber, dass griechische Politiker ihr aktuelles finanzielles Desaster mit Geschichte übertünchen und die Opfer des Nazi-Regimes dafür zu instrumentalisieren versuchen. Doch gesagt hat er leider etwas ganz anderes - und womöglich ist es ihm nicht nur im Zorn rausgerutscht, sondern sollte von der konservativen Wählerklientel auch genauso verstanden werden.

"Ausgestanden" - das ist das Aufatmen nach einer Zumutung, unerträglich und ungerechtfertigt, die man endlich vom Tisch hat. Und davon abgesehen, dass die Berechtigung der griechischen Ansprüche von Historikern und Juristen sehr unterschiedlich bewertet und keineswegs unisono bestritten wird. Auszustehen hatten, das sollten wir mal festhalten, nicht wir Deutschen irgendwelche Reparationsforderungen. Auszustehen hatten die anderen das, was unsere Väter und Großväter über ihre überfallenen Länder gebracht haben: Verfolgung und Tod, Deportationen, Hunger, wirtschaftliche Ausbeutung, unermessliches Leid.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte das ihrem Parteifreund, möglichst noch vor dem Treffen mit ihrem griechischen Amtskollegen, deutlich klarmachen. Damit nicht noch mehr zu Bruch geht im sensiblen und natürlich auch historisch belasteten deutsch-griechischen Verhältnis. Und damit sich nicht auch diejenigen im eigenen Land bestätigt fühlen, die seit jeher der Meinung sind, dass gefälligst mal Schluss sein müsse mit dem Erinnern an deutsche Schuld.

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