Reportage : Der Soldat Gottes

„Ich weiß nicht, ob sie mich leben lassen.“ Shir Ahmed Shirani war bei der Terrorgruppe Jundollah, die im Iran grausame Verbrechen verübte – und einst von George W. Bush finanziert wurde. Jetzt wartet er auf sein Urteil - von seinen politischen Überzeugungen rückt er nicht ab.

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Fehler in der Vergangenheit gesteht er ein, von seinen politischen Überzeugungen rückt er nicht ab: Der 27-jährige Shir Ahmed Shirani in Häftlingskleidung.
Fehler in der Vergangenheit gesteht er ein, von seinen politischen Überzeugungen rückt er nicht ab: Der 27-jährige Shir Ahmed...Foto: Katharina Eglau

Es war Schicksal, sagt der 27-jährige Mann, „ich habe nicht genug aufgepasst“. Schicksal, dass er verhaftet wurde. Shir Ahmed Shirani trägt die graue Kleidung des Sträflings und an den Füßen Plastiksandalen. Er wurde geschnappt, als er eine Ladung Kalaschnikows und Handgranaten in Teheran verstecken wollte.

Jetzt, viele Monate später, ist der Mann aus der Region Balutschistan zurück in seiner Heimat und sitzt im Untersuchungsgefängnis von Zahedan, Hauptstadt der Grenzprovinz Sistan-Balutschistan, die im Süden des Landes an Pakistan grenzt. Das Glas Wasser, das ihm seine Bewacher anbieten, lehnt er ab. Sein Gesicht ist schmal und intelligent. Nur das ständige Kneten seiner Hände verrät die innere Anspannung, wenn Shir Ahmed Shirani von seiner Festnahme auf der Stadtautobahn der iranischen Hauptstadt erzählt.

Die Ermittler halten Shir, was auf persisch Löwe heißt, für ein Mitglied aus dem inneren Zirkel der Terrorgruppe Jundollah, den „Soldaten Gottes“. Er war enger Vertrauter des im Juni 2010 hingerichteten Anführers Abdulmalik Rigi und sollte offenbar die „Aktionen nach Teheran tragen“, wie es im internen Jargon der Rebellen hieß. Im Auftrag der Terrororganisation mietete Shir Ahmed Shirani eine konspirative Wohnung an und kaufte im Grenzgebiet zur Türkei Waffen.

Seit fünf Jahren machen die selbst ernannten „Soldaten Gottes“ durch immer brutalere Gewalttaten von sich reden. Die Gruppe, die sogar ein Attentat auf die Wagenkolonne von Präsident Mahmud Ahmadinedschad versuchte, will über rund 1000 Kämpfer verfügen. Für Teheran zählt der Al-Qaida-Ableger inzwischen zu den größten Gefahren für den schiitischen Vielvölkerstaat. Der besteht zu 60 Prozent aus Persern, die sich als Hauptachse der Nation fühlen; 40 Prozent gehören Minderheiten an. Dem Terror verschrieben haben sich vor allem sunnitische Untergrundgruppen. So gingen seit 2005 auf das Konto der PKK-Filiale PJAK, die in den Bergen des Dreiecks zwischen Iran, Irak und der Türkei operiert, über 550 Tote. Jundollah am entgegengesetzten Ende des Landes tötete im gleichen Zeitraum 230 Menschen. Knapp 700 wurden verletzt und 70 als Geiseln genommen, meist Grenzschützer, Polizisten oder Revolutionäre Garden.

„Ich bin da reingerutscht“, sagt Shirani heute. Er war ein guter Schüler, machte einen glänzenden Abschluss, besonders religiös war er nicht. Statt zu studieren, versuchte er sich im „Export-Import-Geschäft“ mit Pakistan, was in seiner Heimat ein Synonym für Schmuggel ist. Über seinen ältesten Bruder, der sich „irgendwo in den Bergen zwischen Pakistan und Iran“ versteckt hält, bekam er Kontakt zu Jundollah. Das war 2008. Seine Mutter weiß nicht, dass er inzwischen hinter Gittern sitzt. Sein Vater, ein pensionierter Armeeoffizier, besucht ihn gelegentlich in der Haftanstalt. Die übrigen sieben Geschwister leben noch zu Hause. „Ich habe die Waffen nicht eingesetzt, ich habe kein Blut an den Händen“, beteuert Shir Ahmed Shirani immer wieder.

Umso länger ist die Liste der Jundollah-Verbrechen. Reisende in Sistan-Balutschistan wurden wahllos aus Autos gezerrt und auf der Stelle exekutiert. Von Terrorchef Abdulmalik Rigi existiert ein Video, auf dem er einem sich verzweifelt wehrenden Opfer eigenhändig den Kopf abschneidet. Schließlich richteten sich drei schwere Selbstmordattentate gegen schiitische Moscheen, als Erstes im Mai 2009 die Iman-Ali-Moschee in Zahedan mit ihren beiden komplett vergoldeten Minaretten. 20 schiitische Gläubige starben. Der bis an die Decke mit Blut bespritzte Gebetsraum ist inzwischen wieder weiß gestrichen, nur die Splitter in den Innensäulen sind noch zu sehen. Der jüngste Anschlag Mitte Dezember 2010 in der Hafenstadt Chahbahar am Persischen Golf kostete 39 Menschen das Leben.

Bereits vier Tage später ließ die Justiz als Vergeltung elf Jundollah-Häftlinge aufhängen – der Name Shir Ahmed Shirani stand nicht auf der Liste dieser Massenexekution. „Allah ist mein Verteidiger“, murmelt er, sein Prozesstermin steht noch nicht fest. Von seinen politischen Forderungen aber rückt er nicht ab. Die Rechte der Baluchen würden im Iran nicht geachtet. „Wir haben kein gutes Leben“, sagt er in Gegenwart seiner Bewacher.

Zahedan jenseits der Gefängnismauern mit seinen 800 000 Einwohnern hat in der Tat nicht viel zu bieten. Staubige Ladenzeilen, ein paar Textilbetriebe, Ziegeleien, Reismühlen und Hühnerfarmen. Zehntausende Menschen müssen sich als Tagelöhner oder Kleinhändler durchschlagen. 2,4 Millionen Menschen leben hier in der größten und ärmsten Provinz der Islamischen Republik, überwiegend Sunniten. Die Mehrzahl hat Verwandte jenseits der Grenze. So bezichtigt Iran immer gereizter Nachbar Pakistan, den Jundollah-Terroristen Unterschlupf zu gewähren und sie mit falschen Papieren zu versorgen. Im Hintergrund aber ziehen nach Überzeugung der Teheraner Führung der amerikanische und israelische Geheimdienst die Fäden. Indizien dafür steuerte der US-Journalist Seymour Hersh 2008 im „New Yorker“ bei. Danach ließ der damalige Präsident George W. Bush mit einem 400-Millionen-Dollar Geheimprogramm auch Jundollah finanzieren, um die Islamische Republik zu destabilisieren und das Atomprogramm zu stören. Seit Barack Obamas Amtsantritt allerdings scheint sich der Wind gedreht zu haben. Im vergangenen November setzte Washington Jundollah auf die Terrorliste, ein Schritt, den Teheran mit verhaltenem Lob registrierte.

Das ändert jedoch nichts an der „wachsenden Unruhe“, die amerikanische Diplomaten für Sistan-Balutschistan registrieren. Irans Sicherheitskräfte sind ihrer Einschätzung nach drauf und dran, die Kontrolle über Teile der gebirgigen Landschaft zu verlieren, wo sich ein schwer entwirrbares Gemisch aus Schmugglern, Drogenbossen und religiösen Fanatikern tummelt. Güterzüge zwischen Iran und Pakistan würden regelmäßig mit Raketen beschossen, heißt es laut Wikileaks in internen Vermerken. Zusätzlich angefacht habe Präsident Mahmud Ahmadinedschad die Situation, als er mit seinem politischen Kampfgefährten Habibullah Dehmordah einen „dummen, brutalen“ Gouverneur installierte, der als ausgesprochener „Sunniten-Hasser“ galt.

Allerdings wurde der 2008 durch Ali Mohammad Azad ersetzt, der einen deutlich konzilianteren Kurs fährt. Sein Stellvertreter ist Jalal Sayah, ein scheu wirkender Mann mit leiser Stimme, der seine Worte mit Bedacht wählt. Auf den breiten Fluren seines Amtssitzes tönen zum Mittagsgebet fromme Korangesänge, hinter seinem Schreibtisch hängen Fotos des Spitzenduos Chomeini und Chamenei. „Die Gefahr ist keinesfalls gebannt, auch wenn die Terrortaten in der Bevölkerung keinerlei Zustimmung finden“, sagt Sayah und lässt Datteln mit schwarzem Tee reichen. Nach seinen Angaben hat die erste Regierung von Ahmadinedschad hier neue Projekte in „Hülle und Fülle“ begonnen. „Die Investitionen 2005 bis 2007 waren zehnmal so hoch wie alle zusammen seit 1979“, beteuert er. Man habe neue Straßen gebaut, Arbeitsbeschaffungsprogramme aufgelegt, mit der Bahntrasse Zahedan-Bam den Anschluss an das nationale Schienennetz hergestellt sowie die Universitäten kräftig erweitert. Der Aufbau der Wirtschaft habe gerade richtig begonnen, sagt er, da sei dieser Abdulmalik Rigi aufgetaucht.

Nicht weit entfernt von der Gouverneursresidenz wohnt Familie Lashkali in einer Gasse nahe der Altstadt. Der weiß gekalkte Hausflur führt in ein helles Wohnzimmer mit klobigen Polstersesseln. In einer Nische steht das Foto eines jungen Mannes mit offenem Hemdkragen und freundlichen Augen. Als Mustafa Lashkali am Abend des 16. Juli 2010 die erste Explosion vor der nahen schiitischen Freitagsmoschee hörte, sprang er in sein Auto, um zu helfen. Kaum war er ausgestiegen, als ein zweiter Attentäter seine tödliche Ladung zündete, die dem 30-jährigen Vater das linke Bein abriss. Er verblutete auf der Stelle, mit ihm starben 26 weitere Opfer – allesamt Schiiten.

Tür an Tür mit Mustafas Witwe und seiner vierjährigen Tochter wohnt Massud Rigi, der sich – angelockt durch den ausländischen Besuch – auf einen Tee dazusetzt. Er besitzt ein kleines Sanitärgeschäft und stammt aus dem gleichen Clan wie Jundollah-Gründer Abdulmalik Rigi. 37 Zweige mit fast 40 000 Namensvettern hätte die Großfamilie, berichtet er. „Uns allen hat Abdulmalik nur Probleme gebracht“, sagt er. Den Chefterroristen persönlich hat er nicht gekannt, auch wenn er ihm verblüffend ähnlich sieht. Mit den schiitischen Nachbarn habe man stets friedlich zusammengelebt, erst als Jundollah auftauchte, hätten die Probleme angefangen. „Wir haben uns gefreut, als er aufgehängt wurde“, sagt er schließlich.

Auch Shir Ahmed Shirani ahnt, was ihm bevorsteht. „Ich habe einen Fehler gemacht. Ich weiß nicht, ob sie mich leben lassen“, sagt er beim Händedruck zum Abschied, bevor es zurück in die Zelle geht.

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