Politik : Republik Kongo: Für einen neuen Kolonialismus

Wolfgang Drechsler

Am Beispiel des Kongo erlebt die Welt in diesen Tagen, was anderen Teilen Afrikas womöglich in ein paar Jahren droht: Auf den Zerfall der staatlichen Institutionen, der Schulen, Banken und Hospitäler folgt der totale gesellschaftliche Kollaps. Dabei ist der Kongo dank seiner Gold- und Diamantenminen eines der potenziell reichsten Länder des schwarzen Kontinents. Doch das Geschenk ist zum Fluch geworden. Begleitet wird die Auflösung aller Wirtschafts- und Verwaltungsstrukturen von einem moralischen Niedergang: Niemand kämpft im Kongo heute mehr für Entwicklung und Demokratie. Es geht allein um die Ausbeutung der Rohstoffe.

Anderswo in Afrika ist die Lage kaum besser: In der Elfenbeinküste verschärfen sich die ethnischen Spannungen; Nigeria wird von religiösen Unruhen erschüttert. Und in Simbabwe zerstört ein Staatschef nur deshalb sein einst als Entwicklungsmodell gepriesenes Land, weil ihm die Ablösung droht.

Die neue Krise in Afrika reicht tiefer als die Katastrophenmeldungen der Vergangenheit. Geplagt von immer neuen Kriegen, ausgezehrt von der Aids-Epidemie und belastet von einer traumatischen Vergangenheit, entgleitet der Kontinent zusehends der Kontrolle seiner (zumeist korrupten) Eliten und der internationalen Institutionen, die sich seit Jahren um eine Stabilisierung bemühen. Es gibt nur wenige Lichtblicke wie den friedlichen Machtwechsel in Senegal und Ghana. Sie werden von zahllosen Rückschlägen in der Nachbarschaft überdeckt. Vor allem fehlt eine starke Mittelschicht - das Rückgrat einer jeden Demokratie und der Motor wirtschaftlichen und sozialen Fortschritts. Gewählt wird in Afrika überwiegend nach ethnischer Zugehörigkeit, nicht nach Interessenslage. Das politische Spektrum bleibt statisch, wie eingefroren.

UN-Generalsekretär Kofi Annan mahnte die Führer seines Heimatkontinents bei deren letztem Gipfel in Togo: "Afrika wird übergangen, weil sich unsere Eliten nicht genügend einer Politik verschreiben, die Entwicklung fördert und Frieden stiftet." Statt für Bildung und Gesundheit werde viel Geld für Waffen und Luxusgüter ausgegeben. Für die Entwicklung ihrer Länder hätten die Eliten kaum etwas getan. Kein Wunder, dass die wenigen einheimischen Fachkräfte den Kontinent auf der Suche nach mehr Lebensqualität verlassen. Jedes Jahr emigrieren Tausende. Sie werden von Ausländern ersetzt, die über Entwicklungshilfe bezahlt werden. Besonders bedrückend: Die Debatte über die Zukunft des Kontinents wird fast ausschließlich von Nicht-Afrikanern geführt.

Die Beruhigungsformel, Afrika gehe es zwar schlecht, es befinde sich aber wenigstens auf dem Wege der Besserung, hat sich als Fiktion erwiesen. Die Entkolonialisierung war ein Fehlschlag, Afrika braucht angesichts der Aids-Epidemie und der ökonomischen Stagnation langfristig Hilfe von außen. Interessierte Lobby-Gruppen diskreditieren diesen Ansatz jedoch als neue Form des Kolonialismus. Einmischung sei Bevormundung.

Dabei haben - weitgehend unbemerkt von der europäischen Öffentlichkeit - einzelne Staaten wie Sierra Leone oder Mosambik erfolgreich einen Weg eingeschlagen, den man als "Rekolonisierung" umschreiben könnte: Von den Finanzbehörden bis zur Ausbildung der Armee hat London nach dem Scheitern der dortigen UN-Mission Schlüsselpositionen übernommen, um eine gewisse Effizienz des Staates und vor allem den Schutz der Bürger zu garantieren.

Afrikaner wollten von Afrikanern regiert werden, nicht von Kolonialmächten. Die bisherige Praxis hat zum Bild vom "verlorenen Kontinent" beigetragen. Abschreiben darf der Westen Afrika aber nicht. Kriege, Aids und schwere Umweltschäden kennen keine Kontinentalgrenzen. Die ehemaligen Kolonialmächte und Afrikas Eliten müssen sich gemeinsam an den Neuaufbau machen - und dabei einen längeren Atem zeigen. Gelingen wird dies nur, wenn die heimischen Führungen ein Problembewusstsein für die tiefe Krise ihres Kontinents entwickeln - und eine Solidarität, die über Familie, Clan oder Stamm hinausreicht. Davon sind selbst erfolgreiche Länder wie Mosambik und Uganda noch weit entfernt. Aber sie zeigen: Afrika ist nicht dazu verdammt, im Kreislauf von Gewalt und Unterentwicklung zu verharren.

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