Retter gesucht : Die alte SPD-Garde macht mobil

Lange haben sie geschwiegen, wenn auch mit Zähneknirschen. Doch die eigenmächtigen Wendemanöver von Parteichef Kurt Beck und der freie Fall der Sozialdemokratie in den Umfragen auf nur noch 23 Prozent lassen auch Gerhard Schröder und Franz Müntefering nicht mehr ruhig schlafen.

Joachim Schucht[dpa]
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Melden sich wieder zu Wort: Franz Müntefering und Gerhard Schröder -Foto: ddp

BerlinBei der SPD hat hinter den Kulissen die Suche nach einem Retter begonnen, der die weiter kopflos agierende Partei aus ihrer Misere befreien kann. Immer weniger trauen der derzeitigen Führungsformation diesen Kraftakt allein noch zu.

An die Spitze der anlaufenden Rettungs-Operationen setzte sich am Donnerstag der Alt-Kanzler. Einen Tag vor dem fünften Jahrestag seiner Reform-"Agenda 2010", die viele in der Partei immer noch für den Auslöser des SPD-Niedergangs halten, meldete sich Gerhard Schröder mit deutlichen Sätzen ins Berliner Tagesgetümmel zurück. Eine Preisverleihung für den früheren Parteichef Hans-Jochen Vogel im Schöneberger Rathaus nahm Schröder mit ernster Miene zum Anlass für eine Klarstellung, was er vom derzeitigen SPD-Kurs unter Becks Führung hält: nämlich ziemlich wenig.

Schröder: SPD darf die Mitte nicht verlassen

"Die SPD kann nur dann mehrheitsfähig sein, wenn sie in der Mitte der Gesellschaft verankert ist und diese nicht verlässt", mahnte Schröder in seiner Eloge auf Vogel. Damit habe die SPD seit den 70er Jahren ihre Wahlen gewonnen. "Dieses Fundament darf die Partei nicht verlassen, wenn sie erfolgreich bleiben will", schob Schröder als Warnung hinterher. Den jetzigen Parteichef erwähnte er mit keinem Wort. Schröder ließ kaum Zweifel daran, für wie schwierig er die Lage hält. Nicht nur für die Gesellschaft seien die Zeiten schwierig. "Wenn ich es richtig sehe, auch für unsere Partei." Deshalb müssten der SPD nun möglichst viele "mit Rat und Tat zur Seite" stehen.

Vogel, der schon Schröder immer wieder in brenzligen SPD-Situationen wie bei der "Agenda 2010" und dem Irak-Krieg geholfen hatte, sah das kaum anders. Er verkniff sich aber eine offene Abrechnung mit dem derzeitigen SPD-Kurs. Es würde ihn zwar reizen, dazu ein paar Worte zu sagen - "aber das würde den Rahmen sprengen". Doch einige Spitzen, die unverkennbar in Richtung Beck und Andrea Ypislanti in Sachen Wortbruch in Hessen gingen, ließ Vogel dann doch los. So etwa, als er die "ungeheure Glaubwürdigkeit" des ersten Nachkriegsvorsitzenden Kurt Schumacher betonte.

Müntefering nur vorübergehend "in Deckung"

Bereits am Vorabend hatte sich ein anderer Sozialdemokrat, über dessen Zukunftspläne seit Tagen spekuliert wird, vom vorläufigen Altenteil mit ebenso bemerkenswerten Sätzen zu Wort gemeldet. Bei der Entgegennahme eines Preises als bester politischer Redner signalisierte Franz Müntefering mehr oder weniger offen, dass er bereit stünde, der SPD in ihrer derzeitigen Krise an vorderer Front beizuspringen. Zwar sei er noch "im Moment in Deckung", sagte der vor gut drei Monaten zurückgetretene Vizekanzler. Das müsse aber nicht unbedingt von Dauer sein.

Er wolle "irgendwie" dabei mithelfen, dass die SPD die Bundestagswahl 2009 doch noch gewinnt. Sein Satz: "Opposition ist Mist" gelte unverändert, rief er Unions-Fraktionschef Volker Kauder zu, der zuvor ein Loblied auf Münteferings Rolle in der großen Koalition angestimmt hatte. Bei aller Freundschaft würde es ihn schon reizen, Kauder Ende kommenden Jahres auf den Oppositionsbänken wiederzufinden.

Aus der SPD-Zentrale kam am Donnerstagnachmittag bereits eine virtuelle Rückkehrmeldung Münteferings an die SPD-Spitze. Versendet wurde eine Erklärung von "SPD-Generalsekretär Franz Müntefering". Es war aber nur eine Computerpanne. Die Meldung aus dem Jahr 2002 wurde sofort wieder zurückgezogen.

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