Politik : Rettungsarbeiten: United

Philipp Oehmke

Die Nacht hat keine Hoffnung gebracht. Als die Sonne aufgeht am ersten Tag nach der Attacke, am zweiten Tag im Krieg, wie das Lokalblatt "Daily News" titelt, raucht die Ruine des World Trade Centers noch immer. Die Qualmwolke, die sich Richtung Brooklyn verzieht, ist sichtbar von nahezu überall in der Stadt. In dem inzwischen von Polizisten abgeriegelten Katastrophengebiet - ganz Manhattan südlich der 14. Straße ist gesperrt - suchen Feuerwehrmänner in den Ruinen nach Überlebenden. Die Augen der Männer sind von Blut unterlaufen, ihre Gesichter mit Staub belegt, die Uniformen zerrissen. Die Fernsehsender machen sie zu den Helden der Tragödie, doch so fühlt sich im Moment keiner der Männer: 300 der ihren sind tot oder gefangen in den Trümmern, heißt es.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Ein Feuerwehrmann erzählt, wie 20 Stunden zuvor, als der erste Turm zusammenbröckelte, ein Pilz aus Staub aufstieg, sich durch die Straßenschluchten drückte, plötzlich von allen Seiten immer näher kam und den Feuerwehrmann schließlich einholte. "Den zweiten Turm habe ich nicht einstürzen sehen", sagt der Feuerwehrmann, "der Staub war zu dicht." Er erzählt von seinem Kollegen, der - jetzt stockt der Mann - gestern gestorben ist, erschlagen von einem Verzweifelten, der ihm aus dem World Trade Center auf den Kopf gesprungen ist.

Ein Rot-Kreuz-Sprecher drängt die New Yorker, über das Erlebte zu sprechen, es zu verarbeiten - abseits der tatsächlichen Verletzungen befürchten Experten Traumaerscheinungen, vor allem unter Kindern. Es gibt eine psychiatrische Hotline, wird vermeldet: Bitte anrufen, New Yorker müssen jetzt gesund bleiben. Die Stadt hat zwei weitere Telefonnummern eingerichtet - dort kann man anrufen, um etwas über Vermisste zu erfahren. Niemand scheint bis jetzt zu wissen, wie viele wirklich gestorben sind.

Die Zahl dürfte über 10 000 liegen, ein Feuerwehrmann, der die ganze Nacht in den Trümmern nach Überlebenden gegraben hat, ist pessimistischer: "Ich tippe auf 35 000", sagt der Mann, und als er es sagt, wird klar, wie abstrakt diese Zahl ist. Der Bürgermeister Rudolph Giuliani spricht vage von mehreren Tausend.

Das Rote Kreuz hat zwölf Lager in Manhattan und Brooklyn aufgemacht, im Moment fehlt Blut des Typs O positiv, heißt es, obwohl die Bevölkerung ununterbrochen Blut spendet. Aufrufe zum Spenden hängen in der ganzen Stadt, einer über einem Kinoplakat. Der Film heißt "Apocalypse Now".

Das Überraschendste an diesem Morgen in Manhattan ist, in den Krankenhäusern, den Rot-Kreuz-Lagern oder unter den Rettungsteams: Hier ist keiner verzweifelt. Vielleicht fehlt der Abstand, doch die vielen Retter sagen, niemand hier lasse sich fertigmachen "von diesen Feiglingen", wer immer sie sind. Bürgermeister Giuliani ruft die Menschen auf, mit ihrem normalen Leben weiterzumachen. "Geht raus. Macht irgendetwas. Nutzt den Tag. Geht einkaufen!", ruft der Bürgermeister ihnen zu.

Ins Krankenhaus eingelieferte Feuerwehrmänner drängen die Schwestern dort: "Beeilt euch, das passt schon so. Ich muss wieder zurück!" An diesem Morgen fühlt sich die Stadt vereint, so wie wahrscheinlich noch nie - von den Feuerwehrmännern, über den zuletzt heftig kritisierten Bürgermeister Giuliani bis zum New Yorker Gouverneur George Pataki. Über eines sind sich alle einig: "New Yorker sind heute an diesem Tag so stark wie noch nie." Der Gouverneur bei einem Besuch beim St.-Vincent-Krankenhaus wird von Reporten bedrängt: Wird es neue Attacken geben? Weiß die Regierung etwas? Der Gouverneur sagt, nein, nein, es gebe keine Anhaltspunkte.

Entgegen den Befürchtungen hat es keine Plünderungen rund um das World Trade Center gegeben, nur ein paar Polizisten, manche seit 15 Stunden im Einsatz, haben kleine Zusammenstöße mit meist Jugendlichen, die sich einen Weg durch die Absperrungen versuchen zu bahnen. Drei bullige Cops reißen einen Fahradfahrer nieder, schreien auf ihn ein: "Willst Du hier das Arschloch spielen? Bist du verrückt?" Der Radfahrer rappelt sich auf. An jedem anderen Tag würden die Cops ihn jetzt in Handschellen legen. Heute helfen sie ihm auf, beruhigen ihn, erklären ihm, dass sie doch alle zusammenhalten müssten gegen diese "Feiglinge". Heute ist selbst dieser Störer einer von ihnen, und die Polizisten schicken ihn auf seinen Weg.

Das Krankenhaus St. Vincent in Manhattan meldet, sie hätten bis jetzt, Dienstag morgen um halb acht, 361 Tote, doch die Neuzugänge seien im Moment nur Leichtverletzte. Das sind gute Nachrichten. Doch dann sind da diese Gerüchte, die sich in Sekunden über die Straßen verbreiten. Das Hilton Millenium Hotel, ein 58-stöckiges Hochhaus, das gleich neben dem World Trade Center steht, und das angeblich immer noch brennt, werde in den nächsten Minuten kollabieren, genauso wie die Twin Towers gestern zusammenbrachen. Es würde weitere Hunderte von Rettungshelfern unter sich begraben. Eine Viertelstunde später verbreitet sich unter den Rettungsmännern die Nachricht, es sei das World Financial Center, das gleich zusammenbricht, der kleine Bruder vom World Trade Center.

Im Moment steht es in Flammen. Herumstehende Polizisten rätseln über das Gerücht, dass Kollegen gestern Abend noch zwei mit Sprengstoff beladene Lastwagen an der nach Manhattan führenden George-Washington-Brücke gestoppt hätten. Alle machen weiter. Klarheit gibt es nicht. Um neun Uhr morgens brechen die ersten Helfer nach durchwachter Nacht zusammen, auf den Trümmern liegend, schlafend. Manche sind zu müde zum Essen, während andere, noch munter, nach Socken und Jogginghosen fahnden: In den Ruinen steht so viel Wasser, dass trockene Bekleidung ausgeht. Inzwischen haben 120 Gerölltransporter, vollbeladen mit Trümmern, die Stadt verlassen, doch das World Financial Center fängt immer mehr an zu qualmen, und ein Feuerwehrmann spricht davon, dass im Katastrophengebiet zwei Missionen gegeneinander laufen. Die Bergung der Toten und Verletzten behindert den Versuch, das restliche Feuer unter Kontrolle zu bekommen. "Bei der Bergung der Verletzten geht es um Minuten und Menschenleben", schreit das Rettungspersonal. "Beim Löschen des Feuers geht es um Sekunden und einen erneuten Einsturz!", schreien die Katastrophenschutzmänner. Der Rauch wird dichter.

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