Politik : Rettungsversuche für den "verwundeten Gorilla"

Barbara Halsig

Die Partei sieht ihren Machtanspruch gefährdet - Finanzminister Paul Martin will die Partei stärkenBarbara Halsig

In der kanadischen politischen Landschaft sind die Parallelen zum britischen Königshaus unverkennbar: eine Monarchin, die nicht abtreten will, ein Thronprinz, der wartet und wartet. Eine Bevölkerung, die die Königin durchaus gut findet, aber gleichzeitig einen Wechsel wünscht. Die kanadische Regierungspartei der Liberalen sitzt im gleichen Boot. Dieses Wochenende hält sie in der Hauptstadt Ottawa ihren Zwei-JahresKongress ab. Das Hauptthema ist Parteichef und Ministerpräsident Jean Chretien - zwar nicht offiziell, aber in den Korridoren und in den Schlagzeilen der Medien. Sie gaben im Vorfeld des Kongresses eine Meinungsumfrage in Auftrag, die den Zwiespalt auch der Bevölkerung demonstriert: 60 Prozent finden, dass er seine Sache gut gemacht hat - dennoch wollen 64 Prozent, dass er geht.

Chretien (66) ist ein so alter politischer Hase, dass er schon Minister unter Pierre Trudeau in den sechziger Jahren war. Seit 1993 führt er die Regierung mit absoluter Parlamentsmehrheit. Keine Oppositionspartei ist derzeit fähig, eine Alternative anzubieten: die einstige Rivalin PC (Progressiv-Konservative) liegt in den letzten Zügen, an die Seite gedrängt von der neuen "Reform-Partei", die aber nur in Westkanada Zuspruch findet. Die fast gleich starke Oppositionspartei, der Bloc Quebecois, stellt nur Kandidaten in Quebec auf und will Kanada nicht regieren, sondern spalten; und das Mini-Häuflein der Sozialdemokraten NDP hatte noch nie eine Chance. Auch die nächste Bundeswahl, erwartet für kommendes Jahr, sollte den Liberalen also in den Schoß fallen.

Dennoch herrscht Unruhe in der Partei. Die Zeitung "Globe and Mail" sprach am Vortag des "Kongress 2000" sogar in fetter Überschrift von einer "Lawine der Besorgnis". Ein Grund ist, dass "Reform" sich gerade neu erfindet, als "Allianz-Partei" aller Konservativen. Ob es klappt, wird sich demnächst bei einem internen Referendum erweisen. Das monatelang nur von Spott begleitete Unterfangen wird seit ein paar Tagen plötzlich ernst genommen: ein Politiker aus Westkanada, Stockwell Day, hat sein Interesse für den Parteivorsitz angekündigt. Kanadas Presse schreibt bereits vom "kometenhaftem Aufstieg eines neuen Stars". Das Monopol der Liberalen wäre dann nicht mehr absolut.

Auch in der Liberalen Partei wartet ein Star, allerdings ist er nicht "neu". Der Thronfolger in spe ist Kanadas Finanzminister Paul Martin, der seit 1993 die Steuerschraube anzog, die öffentlichen Ausgaben beschnitt, sparte und sparte, und sich dennoch als Wahllokomotive anbieten kann. Sein peinvoller Kurs führte das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Defizit der G-7-Gruppe in die heutige Überschuss-Ära. Vor zwei Wochen präsentierte Martin das jüngste Budget - erstmals mit Belohnung: Es pumpt Überschussmilliarden ins Sozialnetz und in die Säckel der Steuerzahler zurück, nebst Abzahlung von Altschulden. Eine "Vorwahl-Budgetrede" war es, die, wie Kolumnist Peter C. Newman schrieb, zugleich eine unausgesprochene Deklaration Martins war: Er werde die Liberale Partei, die "ein verwundeter Gorilla geworden ist, mit neuem Leben erfüllen".

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