Rezessionsangst : Formel für die Wirtschaft

Sofortige Steuersenkungen fordern die einen. Sparen und keine neue Schulden machen die anderen. Wer hat recht? Eine schwierige Frage. Hilft ein Blick in die Theorie der Makroökonomie? Ein Versuch.

Lutz Haverkamp

Die Menschen müssten mehr Netto vom Brutto haben, um mehr konsumieren zu können, lautet das Credo der einen Seite. Auf Pump leben, schadet nur den nachfolgenden Generationen und verpufft in der volkswirtschaftlichen Gegenwart wirkungslos, hält die andere Seite dagegen.

Eine Entwicklung kann für die kommenden Monate als gesichert gelten. Regierung, Wirtschaftsweise und andere Experten sind sich einig: Die deutsche Wirtschaft schrumpft. Übersetzt: Das summierte Einkommen aller Akteure im deutschen Wirtschaftsraum geht zurück. Rezession. Oder: Das Bruttonationaleinkommen sinkt. Dieses Bruttonationaleinkommen – bekannter dafür ist der Begriff Bruttosozialprodukt – umfasst alle Güter und Dienstleistungen, die sich die Bürger so angedeihen lassen. Der Wert soll eine gewisse Größe haben und jährlich etwas zulegen. Getreu dem Motto: Wer viel hat, dem wird es schon nicht schlecht gehen.

Keine komplizierte Gleichung

Die wirtschaftstheoretische Formel dafür ist so kompliziert nicht. Auf der linken Seite der Gleichung steht die Summe der produzierten und importierten Güter und Dienstleistungen (das Bruttosozialprodukt). Auf der rechten Seite der Gleichung stehen die Summen des Konsums und der Investitionen von Staat und Privatsektor. Davon wird nur noch der Export abgezogen. Fertig ist die Volkswirtschaftliche Gesamtgleichung:

Y + Im = Cpr + Cst + Ipr + Ist – Ex

Wenn Politik also das Einkommen aller (linke Seite der Formel) erhöhen will, muss sie auf der rechten Seite die Werte für Konsum und Investition in die Höhe treiben. Der Einfachheit halber soll hier angenommen werden, dass Importe (Im) und Exporte (Ex) sich aufheben. Das für sich genommen ist schon kein schlechtes Ziel in einer Volkswirtschaft – es nennt sich ausgeglichene Handelsbilanz.

Investitionen statt Konsum

Aber nicht alle Variablen auf der rechten Seite der Volkswirtschaftlichen Gesamtgleichung sind gleicher Güte. Der staatliche Konsum (Cst) trägt zwar zum Bruttosozialprodukt bei, soll dennoch nicht erhöht werden. Darunter fallen zum Beispiel die Zinsen für schon angehäufte Schulden aber auch Löhne und Gehälter für die Beschäftigten im öffentlichen Dienst. Eine Ausweitung – mal abgesehen von den verdienten Lohnsteigerungen – kann nicht Ziel staatlichen Handelns sein.

Ganz anders sieht es schon mit den staatlichen Investitionen (Ist) aus. Autobahnen und andere Straßen gehören dazu, auch Einrichtungen für die Gesundheitsversorgung, Schulen, Universitäten und vieles mehr. Diese Investitionen werden – wie alle Ausgaben des Staates – zwar auch aus Steuergeldern finanziert, aber sie verpuffen nicht so wirkungslos wie staatlicher Konsum. Im besten Fall schaffen staatliche Investitionen neue Jobs, generieren neue Einnahmequellen, sichern Wettbewerbschancen und Marktanteile deutscher Unternehmen auf den Weltmärkten. 2009 will der Bund 27,2 Milliarden Euro investieren und 18,9 Milliarden Schulden machen. Am Verhältnis dieser beiden Zahlen misst das Grundgesetz das gesamtwirtschaftliche Gleichgewicht. Das wirkt auch als Hebel gegen staatliche Konsumsucht.

Sparen ist in den USA nicht angesagt

Die Gleichung zur Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zeigt einen direkten Zusammenhang von Investitionen und Konsum auf. Einfach erklärt: Was konsumiert wird, kann nicht investiert werden. Oder andersherum: Wer investieren will, muss Konsumverzicht üben. Der Volksmund nennt das Sparen. Das kann der Bundesbürger ziemlich gut. Mehr als zehn Prozent seines verfügbaren Einkommens legt er auf die hohe Kante – Tendenz steigend. In deutschen Sparstrümpfen stecken knapp fünf Billionen Euro, das ist 17 Mal mehr als der Bund 2009 ausgeben wird. Die Amerikaner – Staat und Bürger – haben das ganz anders gemacht. Sparen ist in den USA nicht angesagt, Konsum auf Kredit ist an der Tagesordnung. Die Folgen sind eine maßgebliche Ursache für die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise.

Wenn die Politik nun den Menschen Steuern und Abgaben erlässt, haben die zwar mehr Geld, ob sie das ausgeben ist bei der ausgeprägten Sparneigung der Deutschen aber ungewiss. Und selbst wenn sie es ausgeben, ist ganz entscheidend wofür – und wann. Bis sich die privaten Konsumausgaben (Cpr) und Investitionen (Ipr) in der Realwirtschaft niederschlagen, kann eine ganze Menge Zeit vergehen. So viel Zeit, dass die konjunkturelle Erholung, die nach gängiger Wirtschaftstheorie auch ohne politisches Zutun wiederkommt, einhergeht mit der jetzt politisch unterstützten. Das kann schnell zu einem ungewollten, zu starken Wachstum mit ganz anderen Gefahren, wie einer sehr hohen Inflation, führen. Und so in einem noch stärkeren Einbruch der wirtschaftlichen Entwicklung enden.

Geplantes Ziel der konjunkturstützenden Maßnahmen ist es letztendlich, dass Güter und Dienstleistungen derart nachgefragt werden, dass Unternehmer wiederum Maschinen kaufen und Personal einstellen, um die erhöhte Nachfrage bedienen zu können. Diese sich gegenseitig bedingende Abhängigkeit von Konsum und Investition stellt im Idealfall den Wirtschaftskreislauf dar. Er wird aber von so vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, dass gezieltes Steuern nahezu unmöglich wird. Mit dem populären Slogan "Mehr Netto vom Brutto" wird Politik der Herausforderung vermutlich nicht gerecht.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar