Rheinland-Pfalz : Stolz wie Kurt

SPD-Chef Beck daheim in Rheinland-Pfalz – zwischen Idyll und glühendem Metall.

Ingrid Müller[Cochem]
Kurt Beck
Men Hund. So mag es Kurt Beck. An der Mosel, mit Hotelhund Balou.Foto: ddp

Innere Mongolei – das wär’s. Diese unglaubliche Weite, dieses so andere Leben. Oder Australien, dieser Kontinent, so weit weg von Deutschland. Das wär auch was. Kurt Beck hat noch andere Ziele als die Burg Eltz oder Berlin.

Nun ja, es wären Urlaubsziele, die er sich – mit einem Schwärmen in den Augen – vorstellen kann. Der Kurt Beck aus Rheinland-Pfalz? Der SPD-Vorsitzende, der so gern im beschaulichen Cochem an der Mosel radelnd urlaubt und dort so gut bekannt ist, dass er nachts den Hund des Hotelchefs mit aufs Zimmer nimmt und Balou morgens an der langen Leine durch den aus dem Tal aufsteigenden Nebel ausführt?

Wo der Bearded Collie einen kurzen Scherz lang Klausi heißt. Die Politik ist eben nie fern, wenn der Ministerpräsident auf Sommerreise ist. Da übt Beck wieder mal den Spagat zwischen seinem Land, Berlin und der Welt.

Auf Rheinland-Pfalz ist er stolz wie, tja, wie Oskar wäre wohl nicht angebracht, denn auf einen Herrn dieses Namens und seine Linkspartei ist Beck nicht gut zu sprechen. Er versucht in dieser Frage auch, keine Differenzen zu Franz Müntefering erkennen zu lassen. Mit dem sieht er sich „inhaltlich absolut deckungsgleich“, wenn es um die Koalitionsfrage geht (im Bund nein, im Westen nein, die Länder entscheiden – der Bund gibt klare Vorgaben) und die Landesverbände, auf die es ankommt, also die 2008 wählen, sieht er auch auf seiner Seite.

Das rasch in die aufgebaute Kamera gesagt, noch ein paar Worte zu den Renten, wo er Anzeichen für eine deutliche Erhöhung 2008 sieht, weiter geht es. Mal lassen sie ihn in die Sonne blinzeln, wenn er rasch seinen Unmut über die Hetzjagd in Mügeln zu Protokoll gibt und es „völlig unverständlich“ findet, dass es Kritik daran gibt, dass die SPD das Anti-Terrormandat OEF für Afghanistan erst auf dem Parteitag besprechen will – wo er mit „einer Mehrheit für die Verlängerung auch dieses Mandats“ rechnet. Mal steht er auf dem Parkplatz der Kirner Brauerei. Kurz noch ein Wort zur belächelten freiwilligen Wehrpflicht. 75 Prozent der Menschen fänden das richtig, sogar mehr als die Hälfte der CDU-Anhänger. Seine Partei mache da was, ehe die Leute ihnen sagten, das mit dem Wehrdienst sei ungerecht. So geht das zwei Tage lang.

Viel lieber präsentiert Beck das, was sein Land zu bieten hat. Wo sie ihn kennen, wo sie ihn manchmal auch hofieren. Auf Burg Eltz bittet der aufgedrehte Graf, doch „gütigst“ im Gästebuch zu unterschreiben, gedrechselt erhofft er sich später Hilfe bei der Sanierung seiner Burg. Das sind andere Töne als in Berlin. Darauf allerdings wird Beck nicht gern angesprochen. Ihr immer mit Euren Fragen, sagt er dann, und meint Berliner Journalisten. Er wirkt ein bisschen gelangweilt, und allemal misstrauisch. Er würde es vorsichtiger nennen als früher. Als die Fotografen den stämmigen Pfälzer, der fast wieder früheres Kampfgewicht hat, unter der wuchtigen Rüstung im Rittersaal einfangen wollen, posiert er. „Ich weiß ja, dass Ihr das nicht haben wollt, um die Ritterburg zu illustrieren.“ Schwingt da eine Portion Enttäuschung mit? Darüber, dass viele ihn provinziell nennen, schimpfen, er bringe die Partei intellektuell nicht nach vorne? Er versteht sich wohl eher als Moderator. Aber er weiß auch, dass er Fehler gemacht hat als SPD-Chef. Die Rede bei der Spargelfahrt des Seeheimer Kreises, wo ihm Müntefering die Schau stahl und er wie ein Trottel dastand, würde er wohl nicht wieder so halten. Das war nicht wie zu Hause beim Weinfest. Da hatten sie eine Rede erwartet, kein Grußwort. Hat er zu wenig von seiner Partei gewusst? Haben sie ihn in Berlin falsch beraten? Es scheint, als denke er auch darüber nach. Mancher Weggefährte meint, er brauche ein paar engere Berater im Willy-Brandt-Haus. Ihm fehle jetzt ab und an bei Entscheidungen der Instinkt für das, was geht und das, was nicht geht. Weil er zu schnell und zu viel entscheiden müsse. Oder, weil er zu viel allein mit sich abmacht.

Nach außen präsentiert Beck die Devise, ich bin, wie ich bin. Bei den Leuten kommt er an. 13 Jahre schon führt er Rheinland-Pfalz, inzwischen regiert seine SPD allein. Das ist für ihn Wille zur Macht, den viele bei ihm vermissen – nicht nur in der Frage der Kanzlerkandidatur. Auch wenn er in Berlin ist, sagt er, redet er „mit de’ Leut’“. Dort ist er aber eher selten. Er will auch mal nach Hause. Oder auf den Betzenberg. Hertha ist dafür kein Ersatz.

In der Heimat fühlt er sich wohler. Da gibt es Erfolge. Die Firma Keiper zählt er dazu, den „größten unabhängigen Sitzhersteller“. Deren Lehneneinsteller „Taumel 2000“ steckt in Autositzen aller großen Marken. Der Chef ist aufgeregt wie ein Schulbub. Beck wird durch die Hallen geführt, in denen es lärmt und stampft wie bei Ikea, wo sie den Sessel „Poem“ dauertesten. Beck schüttelt Hände, klopft auf Schultern. Am Amboss des Firmengründers greift der gelernte Elektromechaniker zu, lässt den Hammer auf das rotglühende Metall sausen. Nach drei Schlägen liegt das Werkstück auf dem Boden. Beck dichtet: „Unheimlich ist des Schmiedes Kraft, wenn er mit dem Hammer schafft.“

Vielleicht mag er sich bei all den Terminen denken, die wissen doch gar nicht, wer ich bin, wie ich bin. Wo manchmal kaum einer merkt, wo er sonst überall unterwegs ist. In Brüssel, in Prag, in Ruanda oder China, wo er Ehrenbürger ist. Vielleicht sollen sie es aber auch gar nicht wissen.

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