Politik : Richtiger gedenken

Die Vertriebenen treffen sich in Berlin – ihre neue Hoffnung heißt Angela Merkel

Sebastian Bickerich

Berlin - Es gab nur einen Moment, ein paar Sekunden nur, an dem man erahnen konnte, wie viel Wut noch da ist. Wut vieler der 4000 Teilnehmer beim „Tag der Heimat“ des Bundes der Vertriebenen (BdV) am Samstag im Berliner Kongresszentrum ICC – darauf, dass Polen, praktisch alle anderen Staaten Osteuropas und auch die Bundesregierung das BdV-Projekt eines „Zentrums gegen Vertreibungen“ ablehnen. Innenminister Otto Schily bekam erregte Buhrufe, als er die Initiative des polnischen Ex-Außenministers Bronislav Geremek würdigte, in Breslau ein „Zentrum für Versöhnung“ einzurichten. „Ablenkungsmanöver“, schrie ein betagtes Mitglied der Schlesischen Landsmannschaft unter Beifall. Schily hatte das BdV-Projekt zwar als „im Grundsatz richtig“ bezeichnet. Vertreibung bleibe Unrecht und eine Missachtung der Menschenrechte „zu jeder Zeit“. Deutschland müsse die Ängste seiner Nachbarn vor einem „isolierten Gedenken“ aber ernst nehmen. Der Innenminister warb deshalb für das von Kulturstaatsministerin Christina Weiss initiierte Europäische Netzwerk für Gedenken und Solidarität. Eine solche „gesamteuropäische Geschichtswerkstatt“ schütze vor „Missverständnissen“ und „Fehldeutungen“. Schily ergänzte, ohne die aktive Beteiligung der Vertriebenen könne es ein solches Netzwerk nicht geben.

Deutlich freundlicher als Schily empfingen die Teilnehmer Angela Merkel. Die Unions-Kanzlerkandidatin unterstützte die Initiative des BdV für ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin. Sie nehme die Bedenken Polens zwar ernst und kündigte an, eine unionsregierte Bundesregierung werde die Aussöhnung mit den östlichen Nachbarn fortsetzen. „Schweigen hilft aber nicht“, sagte Merkel. Wie Innenminister Schily erteilte auch Merkel Entschädigungsforderungen einzelner Vertriebener in der „Preußischen Treuhand“ eine klare Absage – und erntete dafür Applaus, aber auch vereinzelte „Pfui“-Rufe. Merkel riet dem BdV, sich dem Europäischen Netzwerk der Bundesregierung anzuschließen. Die Konzeption des „Zentrums gegen Vertreibungen“ stehe dem „nicht entgegen“, sagte die Kanzlerkandidatin.

BdV-Präsidentin Erika Steinbach hatte zuvor ihre Forderung nach dem Zentrum bekräftigt. Dieses Projekt solle die Vertreibung als Teil deutscher Geschichte „in aller Sachlichkeit und Wahrhaftigkeit“ verdeutlichen. Dazu gehöre auch Vertreibung und Genozid an anderen Völkern. In einem Gesamtüberblick solle das Zentrum das Schicksal der mehr als 15 Millionen deutschen Deportations- und Vertreibungsopfer aus ganz Mittel-, Ost- und Südosteuropa mit ihrer Kultur und Siedlungsgeschichte erfahrbar machen. Steinbach sagte, wer „unfähig oder unwillig“sei, seine eigenen Toten und Entrechteten zu betrauern, könne auch „niemals Anteil nehmen am Leid anderer“.

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