Politik : Rinderwahnsinn: 120 Tote durch BSE pro Jahr in Deutschland

Nach den jüngsten Todesfällen als Folge der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (CJK) in Großbritannien haben deutsche Experten vor Fehldiagnosen bei älteren Patienten gewarnt. Es bestehe die Möglichkeit, dass CJK fälschlicherweise als Demenz diagnostiziert werde, sagte der Professor für Neuropathologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Hans Kretzschmar. In Frankreich wuchs indes nach den jüngsten Nahrungsmittel-Skandalen der Druck auf die Regierung. Neue Fälle von Rinderwahnsinn und Fleisch aus verdächtigen Herden in den Supermärkten hatten die Öffentlichkeit aufgeschreckt.

Am Wochenende waren in Großbritannien zwei neue Todesfälle bekannt geworden. Ein 14-jähriges Mädchen und ein 74-jähriger Mann starben an den Folgen der menschlichen Variante der Rinderseuche BSE. Der 74-Jährige war wahrscheinlich das bisher älteste Opfer. Sein Tod löste Befürchtungen aus, dass CJK bei älteren Menschen häufiger auftritt als bisher angenommen. Über die Häufigkeit von Fehldiagnosen könne aber nur spekuliert werden, sagte Kretzschmar. Eine hundertprozentig sichere Diagnose sei erst bei einer Autopsie möglich. In Deutschland sterben nach Angaben des Robert-Koch-Institutes jedes Jahr 120 Menschen an CJK.

In den vergangenen Jahren verzeichnete das Institut einen leichten Anstieg von CJK-Fällen. Dies sei aber auf eine erhöhte Sensibilisierung der Ärzteschaft und die seit 1994 geltende Meldepflicht zurückzuführen, sagte Michael Bekes vom Robert-Koch-Institut. Eine auffällige regionale Häufung der Krankheitsfälle ist laut Kretzschmar in Deutschland nicht zu beobachten. Fälle der neueren Variante von CJK, an denen in Großbritannien bisher vor allem jüngere Menschen starben, wurden in Deutschland bislang nicht gemeldet.

In Frankreich reagierte Landwirtschaftsminister Jean Glavany schnell auf die Beunruhigung der Öffentlichkeit. In den Schlachthöfen sollen die Tests auf die Rinderseuche BSE verstärkt werden, und auch die Verfütterung von Tierfetten an Kälber soll verboten werden. Man wird prüfen, welche Alternativen zu Tiermehl und Tierfetten es für die Ernährung von Schweinen, Geflügel und Fischen gibt. Erwogen wird auch ein vollständiges Verbot von Tiermehl, wie es Verbraucherverbände schon seit langem fordern.

Wiederkäuer dürfen seit 1991 kein Tiermehl mehr bekommen, doch an Ferkel, Geflügel und Fische wird es nach wie vor verfüttert. Experten vermuten außerdem, dass Tierfutterbetriebe es mit der starken Erhitzung von Innereien, durch die der BSE-Erreger abgetötet wird, wegen der damit verbundenen Kosten bislang nicht so genau genommen haben.

Glavany hat zu bedenken gegeben, dass eine systematische Ausdehnung der BSE-Tests auf alle geschlachteten Rinder zu teuer und wissenschaftlich nicht erforderlich sei. Hinzu kommt die Frage, was mit den nicht mehr verwendeten 430 000 Tonnen Tiermehl geschehen soll, die in Frankreich pro Jahr verfüttert werden. Um das Tiermehl durch pflanzliches Protein zu ersetzen, wären etwa 650 000 Tonnen Ölkuchen aus Soja, Raps oder Sonnenblumen nötig. Ein völliger Verzicht auf Tiermehl könnte teuer werden. Die Einnahmeverluste für Schlachthäuser und Tiermehlhersteller und die Mehrkosten für alternative Proteinquellen werden auf etwa 900 Millionen Mark pro Jahr geschätzt. Jährlich werden in Frankreich drei Millionen Tonnen Tierabfälle verwertet.

Fraglich ist, ob ein völliges Verbot von Tiermehl kontrollierbar wäre. Die Tierfutter-Lobby ist eine milliardenschwere Industrie - in Frankreich ebenso wie in den anderen EU-Ländern. Ihre Standesvertreter haben bereits Bedenken laut werden lassen. Tiermehl sei ein nobles Produkt und werde auch weiterhin genutzt werden, erklärte ein Sprecher der Industrie. Als Opfer fühlen sich Landwirte, die seit Jahren ihre Kühe auf der Weide halten und sie im Winter mit Heu füttern. "Die Fleischpreise sind drastisch gesunken. Die Geschäftemacher haben jahrelang auf unserem Rücken Profite gemacht", klagt ein Bio-Landwirt.

Zusätzlich verunsichert wurden die Franzosen in der vergangenen Woche durch eine Ladung Würste mit Bakterienbefall, die aus den Verkaufsregalen genommen werden musste, und einen Behördenbericht über 23 Tonnen verdorbener Entenschenkel. Die Fleischindustrie befürchtet indes, dass die Verbraucher dauerhaft Rindfleisch von ihrer Speisekarte streichen könnten.

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