Politik : Risiko Partnering

Der Tod dreier Bundeswehrsoldaten zeigt: Das neue Konzept bedeutet mehr eigene Opfer

Erwin Starke
Soldaten mit Trauerflor. Foto: dapd Foto: dapd
Soldaten mit Trauerflor. Foto: dapdFoto: dapd

Berlin - Seit Freitag sind wieder drei tote deutsche Soldaten mehr in Afghanistan zu beklagen. Der Anschlag eines afghanischen Regierungssoldaten macht das erhöhte Risiko deutlich, welches die deutschen Soldaten durch die neue Taktik des Partnering zu tragen haben.

Der Begriff Partnering steht für einen Aspekt einer vollkommen neuen Ausrichtung der Einsatztaktik der Bundeswehr am Hindukusch. Bis Mitte letzten Jahres beschränkte sich die Bundeswehr darauf, die unmittelbare Umgebung des eigenen Lagers zu sichern und afghanische Soldaten auszubilden. Der Druck der Taliban im Raum Kundus führte dazu, dass sich die deutschen Soldaten schließlich in ihrem Lager einigelten und das Gebiet um Kundus weitgehend an die Taliban verloren. Allenfalls die nähere Umgebung des Lagers wurde noch durch Patrouillen überwacht. An den Einsätzen der auszubildenden Einheiten der Afghanischen Nationalarmee (ANA) nahmen die Ausbilder der Bundeswehr nur aus der Entfernung teil.

Auf Druck der USA und ihres Befehlshabers in Afghanistan, General David Petraeus, übernahm die Bundeswehr 2010 schließlich wesentliche Punkte der neuen amerikanischen Taktik zur Aufstandsbekämpfung. Im militärischen Sprachgebrauch Coin – Counterinsurgency/Aufstandsbekämpfung – genannt, wurde dieses Konzept von den US-Truppen im Irak schon erfolgreich angewendet. Kern dieser Taktik ist der Versuch, die Köpfe und Herzen der Bevölkerung zu gewinnen, indem diese durch den Einsatz der Nato-Truppen spürbare und rasche Verbesserungen der eigenen Lebensumstände erfahren. Das aber bedeutet zuallererst eine verlässliche Sicherheitslage, die einen Aufbau von Infrastruktur und Arbeitsplätze erst möglich macht.

Das Bemühen der Bundeswehr um Sicherheit im Raum Kundus war da längst gescheitert. Man hatte den Menschen nicht mehr zu bieten, als Handzettel und Hilfsgüter, kleine Geschenke und gelegentliche Gespräche mit den Dorfältesten. Seit die Taliban die Kontrolle der Region übernommen hatten, kamen die Aufbauprojekte zum Erliegen. Die Bundeswehr war nicht in der Lage, der Bevölkerung einen wirksamen Schutz vor den Aufständischen zu gewähren. Nur wenn die Menschen aber dauerhaft mit mehr Sicherheit und einer Verbesserung ihrer materiellen Lage rechnen können, werden sie ein Interesse daran haben, aktiv mit den Kräften der Nato zusammenarbeiten.

Die neue Taktik bedeutet für den Einsatz der Bundeswehr eine Wendung um 180 Grad. Nun heißt es offensiv in die Fläche zu gehen, die Taliban aus dem eigenen Verantwortungsbereich zu vertreiben und diese Gebiete dann auch dauerhaft zu sichern. Mit den Ausbildungs- und Schutzbataillonen wurden bis Ende 2010 daher Einheiten geschaffen, die nicht nur ausbilden, sondern an der Seite der ANA auch offensiv kämpfen sollen. Dazu rüstete man die 600 Soldaten umfassenden Bataillone mit Artillerie, Schützenpanzern und Mörsern aus, Waffen also, die zum Angriff befähigen. Durch das sogenannte Partnering soll die ANA fest in den Kampf gegen die Aufständischen eingebunden und zugleich der Bevölkerung gezeigt werden, dass man an der Seite der Afghanen bereit ist, sich einzusetzen.

Erste derartige Operationen im Verbund mit anderen Nationen und der ANA, wie die Operation Taohid, waren in diesem Sinne durchaus erfolgreich. Allerdings kosteten die Kämpfe und Gefechte im Rahmen dieser Offensive auch das Leben von fünf deutschen Soldaten.

Als die COIN- Strategie von den Amerikanern im Irak das erste Mal zu Anwendung kam, wurde auch deren Konsequenz offen ausgesprochen. Durch die Notwendigkeit, eroberte Räume auch dauerhaft zu besetzen und zu verteidigen und zivile Opfer so weit wie möglich zu vermeiden, kommt es zu einem höheren Blutzoll für die eigenen Kräfte. Das gilt nun auch für die deutschen Soldaten.

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