Politik : RISIKOKANDIDATEN

Reimar Paul

Die Bundesregierung setzt die Laufzeitverlängerung für Atommeiler nach den Vorgängen in Japan aus – aber besorgt ist nicht nur Berlin. Vor allem Österreich sieht sich durch gefährliche Nachbarschaft bedroht. Die Regierung in Wien hat ihre Forderung nach Stresstests für die europäischen Meiler am Montag bekräftigt. Sie müssten schnell stattfinden, sagte Umweltminister Nikolaus Berlakovich. Die Meiler seien ein „europäisches Problem“. Österreich lehnt Atomenergie strikt ab und schaut sorgenvoll vor allem auf die EU-Neulinge Bulgarien und Rumänien. ade

In Bulgarien ist ein Atomkraftwerk mit mehreren Blöcken in Betrieb. Am Standort Kosloduj 200 Kilometer nördlich von Sofia an der Donau entstanden seit 1970 insgesamt sechs Druckwasserreaktoren sowjetischer Bauart. Die vier älteren wurden zwischen 2002 und 2006 stillgelegt. Die Reaktoren Nummer drei und vier laufen allerdings noch in einer Art Standby-Modus, sie könnten kurzfristig wieder ans Netz gehen. Bei den Blöcken fünf und sechs handelt es sich um größere Anlagen. Sie wurden nach dem EU-Beitritt Bulgariens unter anderem mit westlicher Sicherheitsleittechnik nachgerüstet.

Im Block fünf gab es im März 2006 einen schweren Störfall. Nach dem Ausfall einer Hauptkühlmittelpumpe blieben 22 der 60 Steuerstäbe in der Aufhängung stecken. Zwischenzeitlich bestand die Gefahr einer Kernschmelze, die Techniker konnten das durch Zuleitung von Borsäure so eben noch verhindern.

Ein zweites Atomkraftwerk ist in Bulgarien auf der Donauinsel Belene geplant. Der 1984 begonnene Bau wurde allerdings nach der Wende zunächst abgebrochen. 2008 setzte ein internationales Konsortium unter Beteiligung von RWE die Arbeiten fort. Ein starkes Erdbeben in der Region und Proteste in Deutschland erzwangen den Ausstieg von RWE und den neuerlichen Abbruch des Projekts. Obwohl Russland einen Kredit über zwei Milliarden Dollar angeboten hat, will die bulgarische Regierung das Atomkraftwerk erst zu Ende bauen, wenn sich auch ein westlicher Investor findet. Reimar Paul

In Rumänien sind am Standort Cernavoda an der Donau – dem einzigen Akw- Standort des Balkanstaates – zwei Kraftwerksblöcke am Netz. Die kanadischen 700-Megawatt-Reaktoren verwenden schweres Wasser als Moderator. Im März 2008 erteilte die nationale Atomenergiebehörde  einem internationalen Konsortium den Auftrag zum Bau von zwei weiteren Blöcken. Aus Deutschland ist wiederum RWE beteiligt. Zudem gibt es Pläne für ein weiteres Atomkraftwerk in Drobeta Turnu Severin an der Donau. Reimar Paul

Ungeachtet der Atomunfälle in Japan nach dem schweren Erdbeben dort und trotz der Erdbebengefahr in der Türkei hält die Regierung in Ankara an den Plänen für den Bau der ersten Atommeiler fest. Die betroffenen Kraftwerke in Japan seien veraltete Anlagen der ersten Generation, während die geplanten Atomkraftwerke der Türkei hochmoderne Kraftwerke der dritten Generation sein würden, sagte Energieminister Taner Yildiz. Auch gebe es in der Türkei keine Gefahr zerstörerischer Tsunamis. „Der Bau von Atomkraftwerken in der Türkei wird weiter vorangetrieben“, betonte der Politiker.

Derzeit plant Ankara zwei Kraftwerke, eines im südtürkischen Akkuyu bei Mersin am Mittelmeer und eines in Sinop am Schwarzen Meer. Weitere Meiler sind für die Zukunft geplant. Die türkische Regierung verweist auf den steigenden Energiebedarf der Türkei mit ihrer schnell wachsenden Volkswirtschaft. Derzeit bestreitet das Land einen Großteil dieses Bedarfs mithilfe von Erdgasimporten aus Russland und dem Iran. Gegner werfen der Regierung vor, die auf dem gesamten Staatsgebiet der Türkei gegebene Erdbebengefahr zu ignorieren. Ein Oppositionsabgeordneter will in einer parlamentarischen Anfrage wissen, woher Minister Yildiz denn die Sicherheit nehme, dass es in Mersin kein Erdbeben geben werde. Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte den Minister. Während die ganze Welt über die Sicherheit der Atomkraft diskutiere, tue Yildiz so, als sei alles unter Kontrolle. Thomas Seibert

0 Kommentare

Neuester Kommentar