Politik : Risse im monolithischen Belgrader Block

STEPHAN ISRAEL

BELGRAD .Der Mann mit dem schwarzen Bart gehört fest zum Ensemble auf der Bühne des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic.Vuk Draskovic ist ein echter Charakterdarsteller und hat sich schon in den unterschiedlichsten Rollen bewährt.Er ist ein begnadeter Redner und immer wieder für Überraschungen gut.Einst führte Draskovic die Oppositionsbewegung an.Derzeit darf er als jugoslawischer Vizepremier die Rolle des "liberalen" Aushängeschilds spielen.Die Kritiker im Publikum sehen in ihm manchmal auch den Mann, der auf der Belgrader Bühne für die Nebelmaschine zuständig ist.

Am Sonntag abend holte Vuk Draskovic über seinen Haussender, das Belgrader Fernsehstudio B, wieder einmal zu einem seiner berüchtigten rhetorischen Rundumschläge aus.Er warf der Führung vor, das Volk zu belügen.Und er bezeichnete es als Unsinn, den Dritten Weltkrieg heraufzubeschwören und auf Hilfe aus Rußland zu hoffen.Dem Volk müsse reiner Wein eingeschenkt werden, warnte er: "Wir sind alleine."

Das Land, so signalisierte Draskovic Kompromißbereitschaft, müsse Truppen unter UN-Mandat akzeptieren: "UN-Truppen werden in keinem Land der Welt als Besatzungsmacht gesehen." Draskovic machte schließlich "Kriegsprofiteure" dafür verantwortlich, daß die Führung des Landes die Augen vor der Realität verschließe.Recht starke Worte für jemanden, der selbst mit im Boot sitzt.

In Belgrad versuchen die Auguren nun seit Sonntag abend mit widersprüchlichem Resultat, die Aussagen zu interpretieren.Läßt Draskovic im Auftrag seines Herren einen "Versuchsballon" fliegen oder versucht er sich bereits für eine Ära "nach Milosevic" dem Westen gegenüber als Alternative zu positionieren? In Belgrad sieht man die Kritik weniger an das Staatsoberhaupt gerichtet als an den Ultranationalisten Vojislav Seselj.Der Radikalenführer spielt auf der Belgrader Bühne die Rolle des "Bösewichts" und ist als serbischer Vizepremier mit an der Macht beteiligt.

Die beiden Gegenspieler verbindet eine längere Rivalität.Milosevic braucht allerdings beide, Seselj für das einheimische Publikum und Draskovic für die Außenwelt.Draskovic redet viel, doch sein Wort hat zu Hause nicht immer viel Gewicht.Er heißt etwa die westlichen Journalisten willkommen, während Seselj seine Männer die Berichterstatter abschieben läßt.

Draskovic ist erst seit Beginn dieses Jahres mit von der Partie.Er hat sich in den 80er Jahren als schwülstiger Nationaldichter einen Namen gemacht.Von Anfang 1990 an war er Oppositionschef mit wechselndem Glück.Noch während des Kroatienkrieges schickte auch er seine Milizen los.Zu Beginn des Bosnienkonflikts wandelte er sich zum Kriegsgegner und offenen Milosevic-Kritiker.1993, von der Polizei verprügelt, landete er für kurze Zeit sogar im Gefängnis.Unter anderen engagierte sich damals auch die französische "First Lady" Daniele Mitterrand für seine Freilassung.

Im Winter 1996/97 erlebte Draskovic an der Spitze der hunderttägigen Demonstrationen gegen den Wahlbetrug der Milosevic-Sozialisten einen Höhepunkt.Doch in Belgrad macht man den unberechenbaren Chef der "serbischen Erneuerungsbewegung" (SPO) dafür verantwortlich, daß das oppositionelle Bündnis (Zajedno) nach kurzer Zeit wieder auseinanderbrach.Der SPO-Chef wollte selber ein Stück der Macht und verbündete sich mit Milosevic.Draskovic steckte hinter dem Sturz von Zoran Djidnjic, dem ersten nichtkommunistischen Bürgermeister Belgrads.

Heute teilt sich Vuk Draskovic mit den Milosevic-Sozialisten auch in der Hauptstadt Macht und Pfründe.Ob Milosevic oder Draskovic, sagen die Kritiker im Publikum, beide seien letztlich nur von der Gier nach Macht und Geld getrieben.Der ehemalige Nationaldichter kritisiert zwar die Konfrontationspolitik des Regimes gegenüber der NATO.Doch auch für ihn ist das Kosovo "heilige serbische Erde".

Am Montag meldete sich dann aber auch die serbische oppositionelle Demokratische Partei von Zoran Djindjic zu Wort.In einer schriftlichen Stellungnahme forderte sie die jugoslawische und die serbische Staatsführung auf, den Vereinten Nationen einen "realistischen" Vorschlag für einen Frieden vorzulegen.Serbien und Jugoslawien sollten der Öffentlichkeit den Grad der Zerstörung der Wirtschaft und Infrastruktur und die Zahl der zivilen Opfer der "NATO-Aggression" mitteilen.

Die Staatsführung sollte sich an die jugoslawische Nation wenden und ihre Prognosen über die weitere Entwicklung der "Krise" im kommenden Monat vorlegen.Aufgrund dieser Einschätzungen sollte dieser Friedensplan der Vereinten Nationen in New York vorgelegt werden."Ohne ein verantwortungsvolles und realistisches Benehmen der jetzigen Staatsführer können die weitere Zerstörung des Landes und die Leiden ihrer Bürger, deren Schutz heute das höchste nationale und Staatsziel sind, nicht gestoppt werden", stand in der Verlautbarung der Führung der oppositionellen Demokratischen Partei zu lesen.

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