Rolle als Regionalmacht : Die Türkei ist kein Vorbild mehr

Die Türkei sieht sich als Regionalmacht. Doch in den Ländern des Arabischen Frühlings hat sie immer weniger Freunde.

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Seit zehn Jahren regiert die Partei von Premier Erdogan (r.), die AKP, die Türkei. Sie hat die säkularistische Staatsideologie zurückgedrängt. Foto: AFP
Seit zehn Jahren regiert die Partei von Premier Erdogan (r.), die AKP, die Türkei. Sie hat die säkularistische Staatsideologie...Foto: AFP

Das türkische Demokratiemodell ist für den Nahen Osten kein Vorbild mehr. Das ist das Ergebnis einer Umfrage der Istanbuler Denkfabrik Tesev bei Menschen zwischen Tunesien und dem Iran. Ausgerechnet zum zehnten Jahrestages des ersten AKP-Wahlsieges am 3. November 2002 ist das ein Dämpfer für die regionalpolitischen Ambitionen Ankaras. „Wir sehen ein pessimistischeres Tableau“, sagte Tesev-Forscherin Gökce Percinoglu dem Tagesspiegel.

Als westliche Demokratie mit muslimischer Bevölkerung und starker Wirtschaft hatte die Türkei in den vergangenen Jahren einen rasanten Ansehenszuwachs im Nahen Osten genossen. Bei einer Nahost-Reise im vergangenen Jahr pries Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan das türkische Modell als Vorbild für die Länder des Arabischen Frühlings an. Einige andere Länder der Region reagierten verschnupft, allen voran der Iran.

Die Vorbildrolle der Türkei Erdogans in islamischen Ländern gründet sich nicht zuletzt darauf, dass in Ankara fromme Muslime wie der Ministerpräsident selbst am Ruder sind, die Islam, Demokratie und wachsenden Wohlstand miteinander verbinden. Die säkularistische Staatsideologie, die in der Türkei seit Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk geherrscht hatte, ist durch den Aufstieg einer fromm-islamischen Mittelschicht unter Erdogan in den Hintergrund gedrängt worden.

In der Türkei selbst wird dies von den Kemalisten scharf kritisiert – doch im Nahen Osten gilt die Entwicklung als Errungenschaft Erdogans. Als die AKP im vergangenen Jahr in den Wahlkampf zog, wurde sie von Anfragen gleichgesinnter Parteien aus der islamischen Welt überrollt, die von der Erdogan-Partei lernen wollten, wie man erfolgreich um Stimmen kämpft.

Der Anspruch der Türkei auf eine regionale Führungsrolle in Nahost stützt sich auch auf wirtschaftliche und außenpolitische Säulen. Seit 2002 hat sich das Durchschnittseinkommen der Türken verdreifacht, das Land hat die politische Rolle der Militärs stark beschnitten und verhandelt seit 2005 über einen Beitritt zur EU. Erdogan persönlich gehört – nicht zuletzt wegen seiner scharfen Kritik an Israel – zu den populärsten ausländischen Politikern im Nahen Osten. Demnächst will er den Gaza-Streifen besuchen.

Doch die Ergebnisse der jährlichen Teves-Umfrage zeigen, dass die Türkei bei den Menschen in 15 muslimischen Nahost-Staaten und den Palästinenser-Gebieten zwar weiterhin beliebt ist, aber die ganz große Begeisterung ist erst einmal abgeebbt. Im vergangenen Jahr hatten 61 Prozent der Umfrage-Teilnehmer gesagt, die Türkei komme als Modell für die Region in Frage, in diesem Jahr waren es nur noch 53 Prozent. Die Zahl jener, eine größere Rolle der Türkei im Nahen Osten wünschen, sank von 71 auf 66 Prozent.

Für Osman Bahadir Dincer, Nahostexperte bei der Denkfrabrik USAK, hängt die Entwicklung zumindest zum Teil damit zusammen, dass die türkische Regierung längst nicht alles hält, was sie in ihren außenpolitischen Äußerungen verspricht. „Wir reden zu viel und tun zu wenig“, sagte Dincer unserer Zeitung.

Allerdings ließ die Tesev-Studie nicht erkennen, welches Land der Region die Rolle der Türkei als Vorbild übernehmen könnte. Es gebe eben kein anderes muslimisches Land, das eine demokratische Teilhabe an der Macht mit einer blühenden Wirtschaft verbinde, sagte der Politologe Mehmet Sahin von der Gazi-Universität in Ankara. Die Türkei sei deshalb trotz aller Defizite in der Weltregion „einzigartig“, sagte Sahin dem Tagesspiegel. Er erwartet, dass das zumindest auf mittlere Sicht auch so bleibt: „Ich sehe in den nächsten 20 Jahren kein anderes Land, das die Führungsrolle übernehmen könnte.“

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