Roma in Italien : "Ein gesamteuropäisches Problem“

Nach dem Tod von vier Kindern diskutiert Italien über den Umgang mit Roma.

Paul Kreiner[Rom]

Sie kommen mit dem Linienbus und – seit Rumänien zur EU gehört – ganz legal, ohne Einreise- oder Aufenthaltsbeschränkungen. 60 000 Roma, so schätzt die Caritas, werden dieses Jahr in Italien eintreffen, zusätzlich zu jenen, die bereits im Land sind, deren genaue Zahl aber keiner kennt: Sind es 50 000? Oder 80 000? Ihre Habseligkeiten passen in ein paar Plastiktaschen, und in Italien lassen sie sich nieder, wo gerade Platz ist: auf brachliegenden Grundstücken meist in der Nähe eines Stadtzentrum. Sie nageln sich Hütten aus Wellblech, Paletten oder Brettern zusammen, viel Karton auch, Plastik, offenes Feuer, abenteuerlich angezapfte Stromleitungen, kein Wasser.

Am Wochenende ist eine solche Slumsiedlung in Flammen aufgegangen. In der toskanischen Hafenstadt Livorno war sie unter einer Straßenbrücke errichtet worden. Vier Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren, von den Eltern im Stich gelassen, verbrannten. Livorno selbst trug am Tag danach Trauer. Die Fußballer, A-Liga immerhin, knüpften sich zu einem Freundschaftsspiel schwarze Bänder an den Arm; die Stadt beendete eine beliebte Kirmes vorzeitig, das Feuerwerk fiel aus. Aber die Geschäftsleute protestierten des entgangenen Verdienstes wegen. Und die Politiker streiten, wer schuld sei an dem „angekündigten Desaster“.

Die Bürgermeister, sagte Sozialminister Paolo Ferrero, „drehen den Kopf von den unmenschlichen Zuständen in den Siedlungen weg, weil Roma keine Wählerstimmen bringen“. Der Verband der Städte und Gemeinden gibt zurück, die Regierung streiche laufend Finanzmittel, man habe kein Geld für die ungebetenen Einwanderer. Ministerpräsident Romano Prodi meint, das Roma-Problem sei ein gesamteuropäisches, und zwar eines von „schrecklicher Kompliziertheit“; die Rechten im Land entgegnen, das hätten sich Prodi und die anderen EU-Größen früher überlegen sollten, als sie „voreilig“ den Eintritt Rumäniens in die EU genehmigten.

Städte wie Rom und Mailand, die Hauptziele der Roma, haben von sich aus Siedlungen aus Containern und Fertigbauten vor der Stadt errichtet und räumen illegale Camps. Aber sie werden des Zustroms nicht Herr: 6500 Roma sind allein in Rom „legal“ angesiedelt, 2500 „plus x“ leben unter Brücken, am verkrauteten Tiberufer, in etruskischen Grabhöhlen sogar. Mehr als 60 Prozent der Roma sind jünger als 18 Jahre. Kommunen und Sozialverbände bemühen sich, Roma-Kinder wenigstens zum Schulbesuch zu bewegen, aber die Erfolge bleiben fast aus – des Widerstands der Eltern wegen, die ihre Kinder zum Geldverdienen nötigen. Allein in Rom sind Tag für Tag mehr als 2500 minderjährige Bettler und Taschendiebe unterwegs, die meisten zwischen drei und zwölf Jahre alt, gewerbsmäßig organisiert und – wie sich in Gerichtsprozessen zeigt – unter starkem Druck: Die Eltern erwarten Tageseinnahmen von zum Teil 100 Euro und mehr. Auf Neapels schwulem Straßenstrich findet die Polizei immer häufiger jugendliche Roma.

Paolo Razzauti, der Bischof von Livorno, fordert nach dem Barackenbrand einen nationalen runden Tisch: „Wir dürfen nicht bei der Wut und der Trauer über die vier toten Kinder stehen bleiben.“ Roms Bürgermeister Walter Veltroni ist bereits einen anderen Weg gegangen: Mit den Behörden in Bukarest hat er die Rückführung eines Teils der Roma vereinbart. Die Stadt Rom will ihnen bei der Wiederansiedelung in Rumänien, bei der Berufsausbildung und beim Finden eines Arbeitsplatzes helfen.

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