Politik : Rot-gelbes Poker: Die neue Wette gilt

Jürgen Zurheide

Der Moderator bemüht sich redlich. Mal erzählt er mit ergreifenden Worten, wie sehr sich die Straßenkinder in Delhi über die Hilfe aus Deutschland freuen, dann schildert er Beispiele für das Engagement der Kirchen in Südamerika, wo die Lage für die meisten jungen Bewohner nicht wesentlich besser als in Asien ist. Wolfgang Clement steht neben dem Moderator und nickt, seine Augen wandern aber immer wieder zum Himmel. Er sucht dort weniger die geistige Erleuchtung, als vielmehr Jürgen Möllemann. Der Moderator spürt das, ihm entgeht auch nicht, dass viele von den bald 400 Menschen, die sich am frühen Morgen hier in einem kleinen Dorf bei Münster versammelt haben, ebenfalls einen Satz auffällig oft wiederholen: "Wo ist Möllemann?".

Schließlich taucht die blau-weiße Vereinsmaschine des Fallschirmspringers Möllemann auf, natürlich kennt sie hier in der Heimat des Liberalen jeder. Wenig später ist es so weit, zunächst fallen vier Wagemutige aus der Maschine, was für die vier Prozent stehen soll, die die Liberalen an Rhein und Ruhr 1995 an Wählerstimmen eingefahren haben. Es folgen weitere vier Springer, sie symbolisieren die acht Prozent, die Clement der FDP gegeben hat. Weil es am Ende knapp zehn Prozent für Möllemann und Co. geworden sind, musste der Düsseldorfer Regierungschef in dieser Woche seine Wette einlösen und zu Fuß von Bochum nach Münster marschieren. Deshalb steht er jetzt hier vor den Toren der Stadt und wartet auf seinen liberalen Mitstreiter. Dieser schwebt als letzter im blau-gelben Anzug ein. Vor ihm waren ingesamt 17 Kolleginnen und Kollegen aus der Maschine gefallen und jeder versteht die Botschaft. "Wir wollen demnächst 18 Prozent", verkündet Möllemann direkt nach seiner Landung.

Vor diesem Moment hatten die Berater Clements in den vergangenen Wochen regelrecht Angst. Immer wieder überlegten sie, wie man den Eindruck vermeiden könnte, der alte und neue Regierungschef finde in Münster ein Canossa. "Da kam das Angebot von Misereor wie gerufen", freute sich einer aus der Umgebung von Clement. Misereor hatte von der verlorenen Wette gehört und in der Staatskanzlei gefragt, ob man aus der Wanderung nicht eine gemeinsame Spenden-Aktion machen könne.

Bis Münster waren weit mehr als 400 000 DM auf dem Spendenkonto eingegangen. "Das ist ein toller Erfolg", freute sich der Regierungschef und Möllemann blieb nichts anderes, als stumm zu nicken. Die politischen Planer hinter Clement waren ebenfalls begeistert, sie hatten ihren Chef eine volle Woche als würdigen Nachfolger von Rau gezeigt. Die positive Stimmung beflügelte Clement am Ende so sehr, dass er eine neue Wette startete - er hält gegen die 18 Prozent von Möllemann. "Ich hole 18 Prozent bei der nächsten Wahl, bei der ich Spitzenkandidat bin", pokerte der nordrhein-westfälische Chefliberale. Und diese Wette wurde auch sofort angenommen. Dieses Mal ist er sicher, dass der Fallschirmspringer zu hoch greift. Sollte sich Clement wieder irren, hat er immerhin ein Problem weniger. Möllemann hatte ausdrücklich nicht von der nächsten Landtagswahl gesprochen - was wiederum Wolfgang Gerhardt außerordentlich nervös machen dürfte.

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