Rot-schwarzer Senat in Berlin : Nicht smart genug

Michael Müllers Motto "Smart, aber sexy" spiegelt kein Lebensgefühl. Es bedeutet: Hier ist eine Regierung am Werk, der nichts einfällt. Ein Kommentar.

Arno Makowsky
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (rechts, SPD) und Innensenator Frank Henkel (CDU).
Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (rechts, SPD) und Innensenator Frank Henkel (CDU).Foto: dpa/Soeren Stache

Smart, aber sexy: Auf der nach oben offenen Skala unpassender Marketingsprüche spielt Berlins Regierender Michael Müller damit weit oben mit. Besonders deplatziert wirkt der Satz im Vergleich zu Wowereits „Arm, aber sexy“, auf das er sich ja bezieht. Arm, aber sexy – das hatte was, es traf das Lebensgefühl einer Stadt im Umbruch, deren Selbstverständnis lautete: Bei uns mag es chaotisch zugehen, der Alltag von Zumutungen geprägt sein – aber nirgends ist es aufregender und lebendiger als in Berlin. Müllers „Smart, aber sexy“ spiegelt kein Lebensgefühl. Es bedeutet: Hier ist eine Regierung am Werk, der nichts einfällt.

Der Spruch passt zu einer Politik, die nicht nur in Berlin, sondern auch im Rest der Republik als dilettantisch wahrgenommen wird. Sicher, die Aufgaben haben sich im Vergleich zu Wowereits Amtszeit geändert, sind in mancher Hinsicht schwieriger geworden: 25 Jahre nach der Wende verblasst das Flair des Übergangs, vorbei ist’s mit der Ästhetik bröckelnder Fassaden und klaffender Baustellenlöcher. Das Biotop für schillernde Lebensmodelle mit billigen Mieten entwickelt sich zu einer dynamischen europäischen Metropole. Verständnis für endlose Wartezeiten im Bürgeramt, nicht vorhandene Verkehrslenkung und kaputte Schultoiletten hat hier niemand mehr.

Und schon gar nicht für die Zustände am Lageso, für jene Fernsehbilder aus der „Tagesschau“, die in jedem Winkel Deutschlands die Botschaft verbreiten: Eure Probleme mit den Flüchtlingen sind vielleicht nicht ohne – aber in Berlin funktioniert’s überhaupt nicht. Das Image der Stadt ist schon seit dem BER-Desaster verheerend genug. Jetzt kommt auch noch das Flüchtlingschaos dazu.

Eigentlich der Richtige

Gefragt im Berlin des Jahres 2016 wäre ein versierter Manager des Wachstums, einer, bei dem auch die Bürger in Oldenburg und Weilheim das Gefühl haben: Der Regierende Bürgermeister unserer Hauptstadt kann mit Krisen umgehen und Chancen anpacken. So einer ist Michael Müller nicht – zumindest hat er diesen Eindruck bisher sorgfältig vermieden. Die Schuld dem Koalitionspartner zuzuschieben, bringt wenig: Für die Herren Henkel und Czaja interessiert sich außerhalb Berlins kein Mensch. Die Außenwirkung hängt am Regierenden.

Dabei wäre Michael Müller als ehemaliger Chef einer großen Behörde eigentlich der Richtige für eine moderne Politik, die weniger nach persönlicher Strahlkraft als nach Effizienz verlangt. Doch ihm gelingt diese Rolle viel schlechter als beispielsweise seinem Münchner Amtskollegen Dieter Reiter, ebenfalls Sozialdemokrat und ebenfalls Chef einer prosperierenden Großstadt.

Wie Müller gilt Reiter als eher farbloser Verwalter, wie Müller ist er Nachfolger eines originellen, hochbeliebten Stadtoberhaupts. Doch anders als Müller hat er die Ankunft der Flüchtlinge so gut im Griff, dass ihm von allen Seiten die Sympathien zufallen. Das Geheimnis: Sein Management wirkt professionell – und gleichzeitig menschlich. Die Bilder vom Münchner Hauptbahnhof gingen als positives Signal um die Welt.

Aus Berlin gibt es auch ein Phänomen, das gerade im Netz diskutiert wird: ein Video der BVG, in dem ein U-Bahn-Rapper den Song „Is’ mir egal“ performt. Wenn das der Blick dieser Stadt auf die Politik ist, muss man konstatieren: Sexy sind die Berliner immer noch. Aber ihre Regierung sollte schleunigst ein bisschen smarter werden.

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