Politik : Rote Gefahr

Christoph von Marschall

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Sie sind der Traum aller Despoten und der Albtraum der Demokraten. Adolf Hitler hätte sie gerne gehabt und klammerte daran die Hoffnung auf den Endsieg. Saddam Hussein war sich sicher, sie zu haben. Colin Powell stürzen sie in Selbstzweifel. Die Nachrichtendienste kennen keine Zweifel, dass es sie gab. Joschka Fischer möchte nicht daran erinnert werden, dass er Zweifel an Powells Beweisen abwegig nannte. George W. Bush lässt unverdrossen nach ihnen suchen, und Tony Blair versucht zumindest herauszufinden, ob er das, was er vor einem Jahr über sie sagte, gewusst oder nur geglaubt hat. Es geht also um große Geheimnisse und tödliche Waffen.

Wie so oft kommt die Lösung aus Bayern. Edmund Stoiber präsentiert sich als Kenner, was man schon daran sieht, dass er dem künstlerischen Gebot der Übereinstimmung von Form und Inhalt huldigt. Es geht um Verborgenes, also muss auch die Botschaft verborgen werden. Und so hat er sie in der englischen Übersetzung seiner Dinner-Rede bei der Münchener Sicherheitskonferenz versteckt. Im schönsten Filser-Englisch konnte Donald Rumsfeld – der vom Glauben an Saddams Massenvernichtungswaffen nicht abschwören will – lesen: „It is not acceptable that the red pencil increasingly becomes the most lethal weapon of defense policy.“ Der Rotstift als tödlichste aller tödlichen Waffen.

Saddams Waffen sind seinem Rotstift zum Opfer gefallen? Eine geniale Erklärung für die allgemeine Verunsicherung. Allerdings muss sich jetzt Deutschland in Acht nehmen, dass es nicht auf die Liste der Schurkenstaaten mit Massenvernichtungswaffen gesetzt wird. Denn wo auf der Welt wütet der Rotstift so wie hier?

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