Rote Khmer : Kambodschas Polizei verhaftet Bruder Nr. 2

Nuon Chea steht vor dem Rote-Khmer-Tribunal. Der 82-Jährige soll mitschuldig am Tod von zwei Millionen sein.

M. Kleine-Brockhoff

JakartaDie Polizisten ließen Nuon Chea noch frühstücken. Dann verhafteten sie den mutmaßlichen Massenmörder, 82, „Bruder Nr. 2“ des Rote-Khmer-Regimes. Und brachten ihn kurz vor die kambodschanische Hauptstadt Phnom Penh. Dort werden führende Rote Khmer seit 2006 zur Rechenschaft gezogen. Sie sollen mitschuldig am Tod von zwei Millionen Menschen sein. „Der Haftbefehl ist vollzogen, Nuon Chea wurde vor Ermittlungsrichter gebracht“, erklärt Reach Sambath, der Sprecher des Rote-Khmer-Tribunals. Beobachter erwarten Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Unklar ist, wann die Verhandlung beginnt.

Bislang hat sich Nuon Chea nicht schuldig bekannt: „Ich hatte nichts mit Tötungen von Menschen zu tun. Ich weiß nicht, wer verantwortlich war“, behauptete Chea vor Journalisten. Als die Maoisten von 1975 bis 1979 einen reinen Agrarstaat errichteten, starb ein Viertel der Bevölkerung wegen Hunger oder Krankheiten. Viele wurden ermordet. Wie der Historiker Stephen Heder schreibt, hätten die Roten Khmer grundsätzlich alle Menschen umgebracht, die verdächtigt wurden, „Verräter der Revolution“ zu sein, also Regimegegner. Bei systematischen „Säuberungsaktionen“ seien Zehntausende ermordet worden. „Bei Entwurf und Umsetzung dieses Grundsatzes spielte Nuon Chea eine führende Rolle“, glaubt Heder. Chea war Stellvertreter von Rote-Khmer-Chef Pol Pot, der 1998 starb. Drei weitere Mitglieder der damaligen Führungsriege sind ebenfalls tot. Zwei leben noch: Rote-Khmer-Außenminister Ieng Sary, 78, und der „Vorsitzende des Staatspräsidiums“ Khieu Samphan, 76. Bereits in Haft und angeklagt ist Kang Kek Eav, genannt „Duch“.

Das Rote-Khmer-Tribunal war erst durch internationalen Druck nach zehnjährigem Tauziehen im Jahr 2006 zustande gekommen. Kambodschanische Richter sind in der Mehrheit, können aber nur mit Zustimmung eines UN-Kollegen entscheiden. Ihr Mandat: „Die obersten Führer und diejenigen, die hauptsächlich verantwortlich sind für das Begehen schwerer Verbrechen“ zu belangen. Derzeit laufen Ermittlungen gegen drei Rote Khmer, die auf freiem Fuß sind. Dabei dürfte es sich laut Experten um Khieu Samphan, Ieng Sary und Meas Muth handeln. Die erste Gerichtsverhandlung sollte Mitte 2007 beginnen, Ärger zwischen Kambodscha und den UN sorgte für Verzögerungen. Jüngst drohte Kambodschas Informationsminister, das Tribunal platzen zu lassen. Er befürchtet, dass Kambodschas König im Ruhestand, Norodom Sihanouk, trotz Immunität und gegen seinen Willen als Zeuge geladen werden könnte.

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