Rote Moschee : "Das Volk wird Rache nehmen"

Nach der Erstürmung der Roten Moschee in Islamabad ist die Lage angespannt. Islamistenführer Ghazi kam bei der "Operation Stille" ums Leben. -

Pakistan
Nach der Erstürmung der Roten Moschee wird in Pakistan mit weiteren blutigen Kämpfen gerechnet. Islamistenführer Ghazi kam bei der...Foto: AFP

Neu Delhi/IslamabadBis 3:30 Uhr am Morgen verhandelten muslimische Geistliche mit Abdul Rashid Ghazi - und fast schien es, der Kampf um die Rote Moschee in Islamabad könne doch noch friedlich enden. Dann aber scheiterten die Gespräche mit dem Anführer der Islamisten. Kurz darauf wurde die Gegend im Herzen der pakistanischen Hauptstadt zum Schlachtfeld. Um vier Uhr begann die Armee überraschend den Sturm auf die Rote Moschee. Mit der "Operation Stille" sollten Ghazi und seine Fanatiker zum Schweigen gebracht werden. "Wir werden sterben, aber das Volk wird Rache nehmen an den Machthabern", sagte Ghazi zu Beginn des Angriffs. Zumindest der erste Teil des Satzes sollte sich für den Prediger schnell bestätigen.

Das Innenministerium in Islamabad verkündete kurz darauf, Ghazi sei getötet worden. Der 1964 geborene Pakistaner hatte in den vergangenen Tagen wiederholt verkündet, lieber den "Märtyrertod" sterben als sich ergeben zu wollen. "Das ist eine grobe Ungerechtigkeit", sagte er zu Beginn des Sturms auf die Moschee. "Die Menschen, die die Operation durchführen, sind amerikanische Agenten." Das dürfte auf Präsident Pervez Musharraf gemünzt gewesen sein, dessen Treue zu den USA im Anti-Terror-Kampf für Ghazi Verrat am Islam war. Schon vor Tagen hatte der Prediger sein "Testament" gemacht. "Wir vertrauen fest auf Gott, dass unser Blut zu einer (islamischen) Revolution im Land führen wird", hatte er geschrieben.

Fast jedes Zimmer einzeln erobert

Eine Woche lang hatte die Armee vor der Offensive die Rote Moschee belagert und beschossen - und die Extremisten doch nicht zur Kapitulation zwingen können. Die Aufständischen wehrten sich auch am Dienstag verbissen gegen die vorrückenden Truppen. "Es gibt hartnäckigen Widerstand", sagte Armeesprecher Waheed Arshad noch viele Stunden nach Beginn der schweren Gefechte. Die "gut ausgebildeten Terroristen" hätten Raketenwerfer, Maschinengewehre und Granaten - und immer noch Geiseln in ihrer Gewalt. "Wir gehen langsam vor mit Rücksicht auf die Frauen und Kinder, um unnötige Todesopfer zu vermeiden", sagte Waheed.

Die Soldaten mussten fast jedes der 75 Zimmer in dem Koranschulen-Komplex einzeln erobern. Extremisten hatten sich mit Geiseln in den Kellergewölben verschanzt, andere Stellung in den Minaretten der Moschee bezogen. "Hier findet kein konventioneller Krieg statt", sagte der Armeesprecher. "Dies ist ein riesiger Gebäudekomplex. Und die Militanten sind fast überall. Sie kämpfen von Raum zu Raum." Die blutige Bilanz am Dienstag: Mehrere Soldaten und Dutzende Extremisten starben nach Angaben des Militärs bei den schwersten Kämpfen in der Geschichte der Hauptstadt. 27 Kinder wurden demnach aus dem Komplex in Sicherheit gebracht.

Selbst radikale Muslime distanzieren sich

Mit Ghazis Tod und dem Sturm auf die Rote Moschee haben die Islamisten eine wichtige Bastion verloren. Ein radikaler Prediger hatte im Falle einer Militäroffensive gegen das Gotteshaus eine "unaufhaltsame Serie von Selbstmordanschlägen" in ganz Pakistan vorhergesagt. Religionsgelehrte hatten gar vor einem Bürgerkrieg gewarnt. Mehrere hundert Fundamentalisten blockierten am Dienstag zwar im Nordwesten Pakistans die Seidenstraße nach China, um Unterstützung für ihre Glaubensbrüder in der Hauptstadt zu demonstrieren. Doch eine Solidaritäts- oder gar Anschlagswelle für die verzweifelt kämpfenden Extremisten, die einen "Gottesstaat" in Pakistan errichten und ausländische Truppen gewaltsam aus Afghanistan vertreiben wollen, blieb auch nach Beginn der "Operation Stille" aus.

Westliche Beobachter erwarteten auch nicht, dass der Sturm auf das Gotteshaus die südasiatische Atommacht ins Chaos stürzen wird. Vom verbrecherischen Vorgehen der Fanatiker und der Geiselnahme von Frauen und Kindern hätten sich selbst radikale Muslime distanziert, berichtet ein Landeskenner. "Sie sagten: "Die Ziele sind okay, aber die Methoden stimmen nicht"." Ghazis islamische Revolution in Pakistan scheint somit zunächst unwahrscheinlich - trotz des vergossenen Blutes der vielen Männer, die der Prediger vor seinem eigenen Tode in ihren letzten Kampf führte. (mit dpa)

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