Rote Moschee gestürmt : Islamistenführer verschanzt sich im Keller

Pakistanische Sicherheitskräfte haben die Rote Moschee in Islamabad gestürmt. Mindestens 58 Menschen kamen ums Leben. Der Anführer der Besetzer hält sich mit Geiseln im Keller der Moschee verschanzt.

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Islamabad: Die Gefechte auf dem Moscheegelände gehen auch Stunden nach Beginn der Erstürmung weiter. -Foto: AFP

IslamabadDie Erstürmung der von Islamisten besetzten Roten Moschee in Islamabad durch pakistanische Soldaten hat zu einem Blutbad geführt: Mindestens 50 islamistische Kämpfer und acht Soldaten wurden bei den schweren Gefechten im Zentrum der pakistanischen Hauptstadt getötet, wie ein Sprecher der pakistanischen Armee mitteilte. Der Anführer der radikalen Islamisten, Abdul Rashid Ghazi, habe sich mit Frauen und Kindern im Keller des Gotteshauses verschanzt. Rund 50 Besatzer nutzten am Vormittag eine Feuerpause, um sich zu ergeben.

Heftiger Widerstand der Islamisten

Die Erstürmung sei der entscheidende Vorstoß, um die "bewaffneten Radikalen" vom Moscheegelände zu vertreiben, sagte Armeesprecher Waheed Arshad. Die pakistanischen Sicherheitskräfte hatten ihren Sturm auf die Moschee um 5 Uhr morgens begonnen. Bis zum Mittag erschütterten starke Explosionen und anhaltende Feuergefechte die Rote Moschee. Die Truppen seien von drei Seiten eingedrungen, aber die Islamisten leisteten einen "heftigen Widerstand" mit Maschinengewehren, Granaten und Raketenwerfern, erklärte der Armeesprecher.

Dicke Rauchschwaden stiegen am Vormittag über dem Komplex auf, während dutzende Krankenwagen Verletzte ins Krankenhaus transportieren. Nach Augenzeugenberichten brannte auch eine Koranschule für Mädchen auf dem Moscheegelände. Die pakistanische Armee rechnete mit noch weiteren Todesopfern. Am Mittag hätten mehrere Islamisten von den Minaretten der Moschee auf die Soldaten gefeuert, sagte Arshad: "Drei oder vier Terroristen haben die Minarette besetzt. Sie verletzen die Heiligkeit der Moschee."

"Wahlloses Töten"

"Überall sind Leichen", berichtete ein Mann telefonisch aus dem Innern der Moschee. Er sprach vom Telefon des Imam Ghazi und berichtete von "wahllosem Töten". Eine der Toten sei die Mutter Ghazis; sie sei am Qualm der Explosionen erstickt. Während einer kurzen Feuerpause ergaben sich nach Armeeangaben rund 50 Kämpfer und verließen die Moschee. Rund 60 Frauen und Kindern, darunter auch die Frau und die Tochter Ghazis, sei die Flucht aus dem umkämpften Gebäudekomplex gelungen.

Nach eigenen Angaben befreiten die pakistanischen Sicherheitskräfte bis zum Mittag drei Viertel des Moscheegeländes. "Frauen und Kinder sind nun im Keller, ebenso wie Ghazi", erklärte Arshad gegen Mittag. "Wir machen wiederholt Durchsagen in denen wir Ghazi sagen, dass ihm nichts passiert, wenn er sich ergibt", sagte er weiter.

Frauen und Kinder als menschliche Schutzschilde

Unklar war, wie viele Kämpfer und Zivilisten sich noch in der Moschee aufhielten. Die pakistanische Regierung sprach von rund hundert Islamisten und 300 bis 400 Frauen und Kindern, die von den Besatzern als Geiseln im Keller festgehalten und als menschliche Schutzschilde missbraucht würden.

Kurz vor dem Sturm auf die Moschee waren mehrtägige Verhandlungen mit den Besatzern gescheitert. Regierungsvertreter sagten, der Imam habe sich geweigert, mutmaßliche Geiseln frei zu lassen und freies Geleit für "Ausländer" gefordert. Ghazi warf der Regierung unmittelbar nach Beginn der Offensive "Völkermord" vor. "Ich bezweifle, dass die Regierung jemals vorhatte, die Krise beizulegen", sagte er dem privaten Fernsehsender Geo telefonisch: "Diese Leute wollen nichts anderes als einen Völkermord."

Unklarheit über Machtverhältnisse auf Moscheegelände

Er habe sein Möglichstes getan, um die Forderungen der Regierung bei den Verhandlungen zu erfüllen, sagte Ghazi. Pakistanische Behörden hatten am Sonntag erklärt, Ghazi habe die Kontrolle über die Moschee verloren. Stattdessen hätten militante Extremisten die Macht auf dem Gelände übernommen.

Die Moschee war seit einer Woche von Sicherheitskräften umstellt, die den Belagerungsring immer enger gezogen hatten. Seit Beginn der Belagerung waren bereits 1200 Frauen und Männer aus dem Gebäude geflohen. (mit AFP)

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