Politik : Roter Star

Mit nur 26 Jahren tritt der schwule SPD-Mann Michael Adam sein Amt als Landrat in Niederbayern an.

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Foto: Patrick Guyton
Foto: Patrick Guyton

Michael Adam zieht eine Schublade des großen Holzschreibtisches auf und findet einen Block. Mit erstaunter Miene liest er: „Verfassungsschutz – streng geheim“. Dann muss er grinsen. „Nein, nein, Notizpapier.“ Der Scherz soll auch etwas von der Anspannung nehmen an diesem Tag. Erst seit zwei Stunden ist das Zimmer im Landratsamt Regen sein Büro. Nach dem Wahlsieg tritt Michael Adam seinen neuen Job an – Landrat von Regen im Bayerischen Wald. 26 Jahre ist er alt, ein linker Sozialdemokrat, evangelisch, offen schwul. In der Stichwahl hat er den CSU-Kandidaten Helmut Plenk mit 57,2 Prozent weggepustet – eine Sensation, die republikweit für Aufsehen sorgte.

„Es herrscht hier eine Aufbruchstimmung“, sagt Adam, „die Leute wollen frischen Wind, die suchen eine Zukunftsperspektive.“ Aus seinem neuen Dienstzimmer geht er zu seiner neuen Sekretärin und fragt nach den Terminen des Tages: Personalversammlung, Vorstellungen, Besprechungen mit den leitenden Mitarbeitern des Landratsamtes.

Was will der junge Mann mit dem blonden Bürstenhaar und den Pausbäckchen nun ändern, der aus dem gerade mal 13 Kilometer entfernten Bodenmais stammt und nach Abitur und Zivildienst ein Politikstudium in Regensburg aufgenommen hat? Das ist ein etwas großes Thema für den ersten Tag. „Wir brauchen hier eine gute Infrastruktur, wir müssen uns um Arbeitsplätze bemühen“, listet er auf. Für Touristen soll der Bayerische Wald mit seinem mittlerweile recht verschnarchten Image attraktiver gemacht werden. Bessere Kinderbetreuung ist Adam genauso wichtig wie mehr Umweltschutz.

Kann der das denn? „Die Frage verfolgt mich immer wieder“, sagt er in dem typischen Niederbayerisch, das die Worte allesamt ein wenig abschleift. Mit 23 Jahren wurde er in seinem Heimatort Bodenmais 2008 zum jüngsten Bürgermeister Deutschlands gewählt. Nach mehr als 50 Jahren CSU-Herrschaft stand die 3300-Einwohner-Gemeinde vor der Pleite, es drohte die Zwangsverwaltung. Die Überraschung war perfekt, als Michael Adam den Bürgermeister kippte, der seit fast zwei Jahrzehnten im Amt war. „Da haben schon viele über mich den Kopf geschüttelt mit meinen 23 Jahren.“ Seine erste Gemeinderatssitzung als neuer Bürgermeister hat er noch gut in Erinnerung: „Wenn Blicke töten könnten – so haben mich manche angeschaut.“

Adam aber hat Bodenmais saniert und den Tourismus angekurbelt. Dazu ist er auch ungewöhnliche Wege gegangen: Wer etwa als „Freund und Förderer von Bodenmais“ mindestens fünf Euro im Jahr spendete, konnte bei einer Verlosung einen Tag mit Michael Adam gewinnen – dem Sieger stattete er zusammen mit einer Musikgruppe einen Besuch bei einem Garten- oder Straßenfest ab. Selbst ein führendes CSU-Mitglied aus einem Nachbarort zollt große Anerkennung: „Wir haben die Gemeinde runtergewirtschaftet, und der Adam macht da eine super Arbeit.“

An dem Holzschreibtisch in dem recht dunkel eingerichteten Arbeitszimmer im Landratsamt saß bis zum Sommer ein anderer Mann. Am 16. August raste Heinz Wölfl, 58 Jahre alt, mit dem Auto seines Sohnes auf einer abgelegenen Staatsstraße in der Nähe von Bodenmais gegen einen Baum. Selbstmord. Wölfl galt als freundlicher, guter CSU-Politiker, der sich immer für die Region stark gemacht hatte. Von seinem zweiten Leben wusste zuerst angeblich niemand etwas – er war krank, spielsüchtig, und hatte mehrere hunderttausend Euro Schulden, die er nicht mehr begleichen konnte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Korruptionsverdacht, Wölfl könnte für kommunale Entscheidungen die Hand aufgehalten haben. Nach seinem Tod kam allmählich heraus, wie vielen Freunden und Bekannten er Geld geschuldet hat.

Der Bayernwald – das ist randständiges Gebiet an der tschechischen Grenze. Auch wenn es manche Bewohner nicht gerne hören: Die Infrastruktur ist schwach und wird immer schwächer, der Landstrich blutet aus. Anderswo, in den bayerischen Großstädten, gibt es qualifizierte Jobs, dafür verlassen die Menschen den Wald. In Bayerisch-Eisenstein musste der von der CSU zu den Grünen übergetretene Bürgermeister Thomas Müller die Grundschule schließen. Es gibt nicht mehr genug Kinder in der Gemeinde.

Über Jahrzehnte war der Bayerische Wald eine uneinnehmbare CSU-Bastion. Konservativ war die Grundhaltung der Menschen seit jeher, und die Politiker verstanden es, regelmäßig Geld für die Region aus den verschiedenen Fördertöpfen in München abzuzapfen. Wer sich hier wie Michael Adam in jungen Jahren entscheidet, ein Roter zu sein, dürfte wissen, dass er eigentlich immer auf der Verliererseite stehen würde. „Viele haben sich so eingenistet“, meint Adam, „das ist bequem.“ Immer in der Minderheit, immer progressive Avantgarde im Randgebiet, niemals selbst an der Macht.

Nicht so Michael Adam. Einerseits ist er in nahezu jeder SPD-Gruppierung Niederbayerns aktiv – von den Jungsozialisten über den Bezirksverband bis zu den Schwusos, den Schwulen und Lesben in der SPD. Andererseits mischt er mit bei der Freiwilligen Feuerwehr, Sportvereinen, den Vogelzüchtern und sogar bei „Weiß-Blau Königstreu“. „Ich will selbst gestalten“, sagt er, „und nicht Daueropposition sein.“

Es gibt einige Zeichen dafür, dass sich im Freistaat gerade manches ändert. „Bayern ist bereit für etwas anderes“ – so sieht es Michael Adam. Eine Staatsregierung ohne CSU rückt in den Bereich des Möglichen. Münchens sozialdemokratischer Oberbürgermeister Christian Ude mischt die Landespolitik auf als Herausforderer von Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). Und ein junger, linker Schwuler begeistert im Bayerischen Wald.

Erst am Vorabend war er zum Kennenlernen in der Landräte-Runde in Deggendorf. Die anderen meist grauhaarigen Amtsinhaber brachten ihre Ehefrauen mit, er kam mit seinem Partner. „Es war ein sehr freundlicher Empfang.“ Auch im Wahlkampf will er kein böses Wort über seine Homosexualität vernommen haben. Am ehesten werde ihm noch sein junges Alter angekreidet, meint er. „Aber das legt sich rasch. Nach kurzer Zeit in einem Amt fühle ich mich älter als ich bin. Und ich wirke auch so.“ Eine Frage aber ist noch nicht geklärt: Wo soll in seinem neuen Arbeitszimmer dieses Bild hin, das ihm so wichtig ist? Sehen sollte man es schon, provozieren will Michael Adam damit aber nicht. Es ist ein Porträt von Willy Brandt.

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