Ruanda-Tagebuch (5) : „Arbeite hart, dann kannst Du Dich entwickeln!“

Bis 2020 soll Ruanda kein armes Land mehr sein. Das ist die Vision der Regierung in Kigali. Aber noch gehören 45 Prozent der Bevölkerung zu den Armen.

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Ein Schüler und sein Ausbilder in der Berufsbildungsschule Eteka.
Ein Schüler und sein Ausbilder in der Berufsbildungsschule Eteka.Foto: Dagmar Dehmer

Wer in Ruanda ein Unternehmen gründen will, muss dafür keine Woche Zeit investieren. Nach sechs Tagen ist der Betrieb registriert und kann loslegen. Im „Doing-Business-Index“ der Weltbank hat das dem Land Platz zwei in Afrika, Platz 32 weltweit, eingebracht, nur Mauritius liegt noch vor Ruanda. Und auch im Index der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International liegt Ruanda mit Platz 49 auf einem der vorderen Plätze, und ist die Nummer vier in Afrika. Die Wachstumsraten sind beachtlich, jeweils zwischen fünf und sieben Prozent in den vergangenen zehn Jahren. Und trotzdem bleibt Ruanda vorläufig eines der ärmsten Länder der Welt.

Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft, meistens produzieren sie nur für ihren Eigenbedarf. Nach einer offiziellen Regierungsstatistik aus dem Jahr 2011 sind 88,6 Prozent der Bevölkerung im informellen Sektor beschäftigt, zahlen also keine Steuern, weil sie zu arm sind Lediglich 11,4 Prozent der Bevölkerung bilden den formellen Sektor, also diejenigen, deren Wirtschaftswachstum und deren Steuerzahlungen messbar sind. In der gleichen Statistik, die auch auf einer Haushaltsbefragung beruht, gaben die Befragten an, zwischen 12 und 22 Stunden täglich für die Organisation ihres Alltags aufbringen zu müssen, das Heranschaffen von Wasser, Feuerholz, Nahrungsmitteln. Da bleibt für „produktive“ Arbeit kaum Zeit. 64 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 24 Jahre alt. Jedes Jahr drängen Hunderttausende auf einen kaum existenten Arbeitsmarkt. Und nach wie vor gibt es in Ruanda genozidbedingt mehr Frauen als Männer. Auf 100 Männer kommen 111 Frauen.

Die Automechanikerin Sylvie Abigayire.
Die Automechanikerin Sylvie Abigayire.Foto: Dagmar Dehmer

Der ungeschriebene Gesellschaftsvertrag – die Regierung wird nicht in Frage gestellt, solange sie dafür sorgt, dass es den Menschen irgendwie besser geht – wird nur dann weiterhin funktionieren, wenn es der Regierung gelingt, eine Entwicklung in Gang zu setzen, die auch Arbeitsplätze bringt. In Kigali wissen sie das genau. Deshalb haben sie Ende 2012 die Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Gesundheitswesen beendet, damit sich die GIZ stärker auf die Zusammenarbeit bei der Berufsbildung konzentrieren kann. Die Grundschule, sechs Jahre, ist schon seit einigen Jahren kostenlos für die Kinder. Dann wurde die Schulpflicht auf neun Jahre verlängert und vor zwei Jahren schließlich sogar auf 12 Jahre. Nach der neunten Klasse entscheidet sich für die Kinder je nach Noten, ob sie in Richtung Hochschulreife weiter lernen dürfen, oder in einer berufsbildenden Schule untergebracht werden. Dafür werden allerdings Gebühren fällig, die sich viele Familien nicht leisten können.

Für diese jungen Menschen gibt es kaum eine andere Möglichkeit, als auf dem Feld zu Hause zu bleiben. Wie Epiphany Mukaseicuru, die in der Nähe von Huye in einem kleinen Dorf lebt. Die 24-Jährige ist Bäuerin, obwohl sie das nicht sein will. „Wenn ich Geld hätte, würde ich auf die Berufsschule gehen und Schneidern lernen“, sagt sie. Ihre Freundin Tharcilly Miyonagira (21), träumt davon, genug Geld zu haben, um weiter in die Schule gehen und Schneidern oder Friseurin lernen zu können. Das mit der Friseurin würde der 23-jährigen Colette Uwizeyrmara auch gefallen, sie könnte sich aber auch vorstellen Elektrotechnik zu lernen. Die Träume ihrer männlichen Freunde, Eric Mutirende, Theogene Murangua, und Anastase Nteziryayo klingen dagegen alle ziemlich gleich: Sie alle wären lieber Fahrer als Bauern, von großen Lastwagen oder Bussen oder wenigstens einem Taxi.

Die Jugendlichen, die an der Berufsschule Eteka in Gitarama lernen, lernen zumindest einmal, wie Autos repariert werden können. Die Schule ist die beste des ganzen Landes für Automechaniker. Zusätzlich werden Elektrotechniker und Baufachleute ausgebildet. Das Bauwesen ist so etwas wie die Boombranche in Ruanda, und zumindest in Kigali wird auch an jeder Ecke gebaut. Automechaniker ist eher ein Beruf mit Zukunft. Denn aktuell gibt es in Ruanda lediglich 60 000 zugelassene Autos und Motorräder bei einer Bevölkerung von 11,6 Millionen. Kein Wunder, dass es in Ruanda bisher kaum Staus gibt. Aber als Automechaniker können die jungen Leute im Vergleich sehr gut verdienen. In die Autowerkstatt Atecar in Kigali fahren auch Autobesitzer aus Burundi und der Demokratischen Republik Kongo, weil sie den Ruf hat, gute Qualität zu bieten. Leandre Munyororo, der die Werkstatt vor 14 Jahren eröffnet hat, beschäftigt inzwischen 48 Mechaniker, immerhin sechs davon sind Frauen. Bis vor wenigen Wochen hatte er einer von ihnen, Sylvie Abigayire, sogar eine Abteilung mit zehn Elektrotechnikern, unterstellt. Doch dann hat er der 24-Jährigen einen „erfahreneren Kollegen“ vor die Nase gesetzt. Sylvie Abigayire sagt allerdings, sie werde „um ihren Job kämpfen“. Und im Übrigen, lässt sie ihren Chef wissen, könne sie sich auch vorstellen, „sich selbstständig zu machen“.

Emmanuel Murindura ist Berufsschullehrer an der Eteka. Aber nur bis 13.30 Uhr. Dann repariert der 25-Jährige Autos und Motorräder, weil sein Gehalt hinten und vorne nicht reicht, um eine Familie zu ernähren. Dabei ist Murindura sogar einer der Ausbilder für Berufsschullehrer. Er gehört zu den Trainern, die die GIZ ausgebildet hat, um das Niveau der Berufsschullehrer zu steigern. Das macht er in den kurzen Ferien zwischen den Trimestern jeweils zwei Wochen lang und in den großen Ferien im Sommer sogar einen Monat lang. Seit drei Jahren unterrichtet Murindura, davor hat er zwei Jahre in einer Werkstatt gearbeitet. Wie alle Ruander auf dem Land hofft er darauf, dass die Einkommen der Bevölkerung schnell stark genug steigen, dass sich mehr Menschen Motorräder oder sogar Autos leisten können. Denn „unser Problem ist der Transport“, sagt Anastas Nteziryayo, der junge Mann, der gerne Lastwagenfahrer werden will. Das einzige Verkehrsmittel, das jeder Ruander nutzen kann, sind seine Füße.

Dagmar Dehmer hat sich auf Einladung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) eine Woche lang in dem zentralafrikanischen Land Ruanda aufgehalten. Dies ist ihr letzter Eindruck von der Reise 20 Jahre nach dem Völkermord.

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