Politik : Ruck durch die Kirche?

Claudia Keller

Wittenberg - Wohl noch kein Mentalitätswandel, aber doch ein kleiner Ruck scheint durch die evangelische Kirche gegangen zu sein – zumindest sieht das die Führungsspitze so: „Wir sind in Wittenberg tatsächlich in einen Zukunftsprozess eingetreten. Einen Schritt zurück gibt es nicht“, sagte Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), am Samstag in der Lutherstadt. Seit Donnerstag hatten dort 300 Bischöfe, Pfarrer und andere Mitwirkende der evangelischen Kirche auf einem „Zukunftskongress“ darüber diskutiert, wie strukturelle Veränderungen im Protestantismus angestoßen werden können, damit die evangelische Kirche trotz zurückgehender Mitgliedszahlen auch 2030 noch handlungsfähig ist.

Die Demographie und die Finanzentwicklung seien bei dem Nachdenken über die Zukunft aber nur „Rahmenbedingungen“, betonte Huber. Das Schlüsselthema der Debatten auf dem Kongress sei die Frage gewesen, wie die Kirche „Glauben wecken“ könne. Die EKD war dafür kritisiert worden, dass der Kongress zu sehr den Schwerpunkt auf Finanzen und Strukturen lege.

Barbara Rinke, Präses der EKD-Synode, dem obersten beschlussfähigen Gremium der evangelischen Kirche, sprach von einer „nüchternen, protestantischen Aufbruchstimmung“, die vom Kongress in Wittenberg ausgehe. Pilotprojekte sollen erproben, wie sich die Qualität der Gottesdienste steigern lässt. Auch will man durch Modellversuche in einzelnen Landeskirchen herausfinden, wie Ortspfarreien verstärkt zusammenarbeiten können. Schließlich soll das Verhältnis von ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeitern überprüft werden. Dabei sollen Pfarrer mehr und mehr durch Ehrenamtliche von Verwaltungsarbeit entlastet werden. Zudem wird erwogen, ein freiwilliges Kirchgeld einzuführen.

Zwei Reizthemen trieben die Kongressteilnehmer besonders um: die Frage, wie die Qualität der Gottesdienste erhöht werden könnte und der Vorschlag der EKD, bis 2030 die Zahl der 23 Landeskirchen auf maximal zwölf zu reduzieren. Innerhalb der nächsten vier Jahre soll nun der Zuschnitt der Landeskirchen „einer gründlichen Klärung zugeführt werden“, innerhalb der kommenden zwölf Monate sollen „Mindeststandards“ für die Größe und Leistungsfähigkeit von Landeskirchen entwickelt werden. „Die kleinen Kirchen fühlen sich sehr von den großen unter Druck gesetzt“, sagte Jürgen Johannesdotter, Landesbischof von Schaumburg-Lippe. Seine Kirche ist mit 60 000 Mitgliedern die zweitkleinste. In Wittenberg habe eine geradezu feindselige Stimmung gegenüber den kleinen Landeskirchen geherrscht.

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