Politik : Rückfall in alte Zeiten

Anschläge, Machtkämpfe, Hunger: Der Wiederaufbau in Afghanistan stockt, es droht ein neuer Bürgerkrieg

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Von Ulrike Scheffer

Kabul steht unter Schock. Der Bombenanschlag vom Donnerstag hat den Krieg in die afghanische Hauptstadt zurückgebracht – in eine Stadt, die gerade begonnen hat, sich vom langen Bürgerkrieg und den Auswüchsen der Taliban-Herrschaft zu erholen. Unter dem Schutz der 4500 Mann starken Internationalen Schutztruppe (Isaf) wird in Kabul gebaut und gehandelt, sogar Verkehrsstaus gibt es wieder. Vereinzelt trauen sich auch Frauen ohne den himmelblauen Ganzkörperschleier, die Burka, auf die Straße. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob diese Entwicklung in neuem Terror untergeht.

Viele Frauen haben aber auch so andere Sorgen als wiedergewonnene Freiheiten: In Kabul leben 40 000 Kriegswitwen, die meisten sind ohne jedes Einkommen und müssen um Almosen betteln. Andere Afghanen haben es dank der zahlreichen internationalen Hilfsorganisationen und diplomatischen Vertretungen zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht – ein Fahrer oder Übersetzer verdient dort mehr als 500 Euro im Monat.

Von politischer Stabilität, das haben nicht nur die jüngsten Anschläge gezeigt, ist Afghanistan trotz der Friedenskonferenz auf dem Bonner Petersberg Ende 2001 und der Großen Ratsversammlung der Stämme im Juni dieses Jahres noch weit entfernt. Zwei Minister hat Präsident Hamid Karsai bei Attentaten verloren, er selbst überlebte einen Mordversuch am Donnerstag nur knapp. Die Autorität des im Ausland geachteten Regierungschefs ist begrenzt: Im eigenen Kabinett sieht er sich mächtigen Widersachern gegenüber; außerhalb Kabuls haben lokale Kommandeure und altgediente Kriegsherren das Sagen. Jenseits der Hauptstadt und des Einflussbereichs der Schutztruppe ist vom Aufschwung deshalb auch kaum etwas zu spüren – was hier blüht, sind allenfalls Drogenhandel und Schmuggel. Und nun scheinen auch die Taliban und Al Qaida das Land wieder zu destabilisieren.

Die meisten Hilfsorganisationen konzentrieren sich mehr als neun Monate nach der Vertreibung der Taliban noch immer darauf, die schlimmste Not durch Lebensmittellieferungen zu lindern. Selbst auf Gesundheitsstationen oder Schulen warten die Menschen in vielen Regionen bisher vergeblich. „Der Bedarf ist riesig und kann nicht so schnell befriedigt werden", sagt Annette Wulf von der Welthungerhilfe. Die Sicherheitslage macht die Arbeit der Helfer nicht einfacher. Solange die ehemaligen Bürgerkriegskämpfer aber keine zivile Perspektive erhalten, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als weiter ihren alten Kommandeuren zu dienen.

Doch nicht nur die Sicherheitslage behindert den Wiederaufbau Afghanistans. Es fehlt auch an Geld. 4,5 Milliarden Dollar hat die internationale Gemeinschaft für die kommenden vier Jahre zugesagt, 1,8 Milliarden sollten noch 2002 fließen. Vor wenigen Wochen schlugen die UN-Hilfsorganisationen Alarm, weil die Überweisungen auf sich warten lassen. Das Ernährungsprogramm (WFP) kündigte an, seine Hilfsrationen zu reduzieren. „Wir machen uns extreme Sorgen deswegen", sagt ein WFP-Sprecher. Auch dem UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) läuft die Zeit davon: Mehr als 1,6 Millionen Flüchtlinge sind zurückgekehrt, 29 Millionen Dollar fehlen, um sie über den Winter zu bringen. Die Landwirtschaft liegt in weiten Teilen des Landes brach, überall liegen Minen.

Mehrere hundert Millionen Dollar fehlen auch Finanzminister Aschraf Ghani im Staatshaushalt, der mangels Steuereinnahmen fürs Erste von der Internationalen Gemeinschaft bestritten wird. Für Karsai ist dies aber ein nebensächliches Problem. Innerhalb seiner Regierung tobt ein Machtkampf. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Verteidigungsminister Mohammed Fahim, wichtigster Vertreter der früheren Nordallianz im Kabinett. Das Minderheiten-Bündnis half den USA im Kampf gegen die Taliban und Al Qaida und beansprucht die politische Vormacht. Und die Nordallianz kontrolliert das Militär, den Geheimdienst und die Polizei.

Die Einführung der Scharia und einer Religionspolizei haben den Optimismus vieler Beobachter zusätzlich gedämpft. Offiziell wollen Vertreter der UN den Friedensprozess zwar nicht verloren geben. Im vertraulichen Gespräch ziehen viele aber Vergleiche zur Situation Anfang der 90er Jahre, als die Mudschahedin nach dem Sieg über die sowjetischen Besatzer Kabul einnahmen das Land in einen Bürgerkrieg stürzten.Nach den Anschlägen in Kabul und Kandahar ist klar, dass dann auch mit den Taliban und Osama bin Laden wieder zu rechnen ist.

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