Politik : Rückkehr ausgeschlossen

Wegen der katastrophalen Sicherheitslage müssen die Flüchtlinge in Darfur weiter in den Lagern bleiben

Ruth Ciesinger,Marc Hasse

Berlin - Die Versorgung der Flüchtlinge mit Hilfsgütern in der sudanesischen Krisenregion Darfur hat sich nach Auskunft von internationalen Helfern an manchen Orten leicht verbessert – die Sicherheitslage wird aber als katastrophal eingeschätzt. Arabische Reitermilizen greifen nach wie vor Dörfer an, außerhalb der Flüchtlingslager werden Menschen vergewaltigt und ermordet. Eine Rückkehr der Flüchtlinge in deren Dörfer gilt deshalb in den meisten Fällen als unmöglich. Rund eine Million Menschen bleiben so auf internationale Lebensmittel- und Arzneilieferungen angewiesen.

„Wir können Nahrungsmittel inzwischen ungehindert verteilen“, sagt Johan van der Kamp, der für die Welthungerhilfe als Landeskoordinator in Nord-Darfur arbeitet. Die Organisation kümmert sich dort um ein großes Flüchtlingscamp und sechs Dörfer mit insgesamt 75 000 Menschen. Da die Ernte für sie in diesem Jahr ausfalle, seien sie aber „total abhängig von den Hilfslieferungen“, so van der Kamp. Er weist darauf hin, dass die Versorgung mit Nahrung durch das Welternährungsprogramm nur bis Ende 2004 gesichert ist. „Wir wissen noch nicht, wie es danach weitergehen soll.“ Van der Kamp ist für einen internationalen Einsatz, um die Sicherheit der Menschen zu gewährleisten. Eine Meldung der sudanesischen Regierung, wonach 90 000 Menschen in ihre Dörfer zurückgekehrt sein sollen, kann er nicht bestätigen: „Es gibt immer noch Überfälle der Dschanschawid-Milizen rund um die Flüchtlingslager. Von Sicherheit kann keine Rede sein.“

Gesine Wolfinger, Sprecherin der Diakonie Katastrophenhilfe und der Caritas International, bestätigt das. Sie hat mehrere Lager rund um Nyala in Süd-Darfur besucht und ist dort auf „entsetzte Ablehnung“ gestoßen, als sie Flüchtlinge nach einer Rückkehr fragte. Die Regierung hat zwar nach Angaben einer sudanesischen Nachrichtenagentur 5000 Polizisten nach Darfur geschickt. Doch „diesen Zusagen vertrauen die Flüchtlinge nicht. Man spürt ihre Furcht vor den Milizen“, sagt Wolfinger. Vor allem in kleineren Lagern sei die Not sehr groß. So liefere in einem Lager in Süd-Darfur nur ein einziger Brunnen Trinkwasser für 8000 Menschen. Große Sorge bereitet den Hilfsorganisationen auch die anstehende Regenzeit. Die Menschen leben in notdürftig zusammengeflickten Behausungen aus Zweigen und Plastikplanen, die der Regen wegspült. Kaum vorhandene sanitäre Anlagen werden zum Hort für Krankheiten wie Durchfall und Typhus. Deutliche Worte findet der deutsche Kurien-Erzbischof Paul Josef Cordes. Für ihn, der im Auftrag des Papstes nach Sudan gereist ist, sind die Lebensbedingungen der Flüchtlinge schlicht „menschenunwürdig“.

Deshalb fordert Lotte Leicht, Direktorin des Brüsseler Büros von Human Rights Watch, eine internationale Schutztruppe für Darfur, falls nicht binnen Tagen die Sicherheit der Flüchtlinge und eine Entwaffnung der Milizen gewährleistet ist. Die Regierung in Khartum hält Leicht für „nicht Willens oder nicht in der Lage, die Milizen in Griff zu kriegen“. Ein solcher UN-Einsatz könne ihrer Ansicht nach unter der Führung der Afrikanischen Union stattfinden. Deren jetziges Mandat sei aber nicht ausreichend für einen Einsatz auch zum Schutz der Flüchtlinge. Den Vorwurf Khartums, solche internationalen Bemühungen richteten sich gegen den Islam, bezeichnet Leicht als „Blödsinn“. Anders als beim Konflikt zwischen Nord- und Südsudan seien alle Beteiligten an der Krise in Darfur Moslems, die Verfolgten ebenso wie die Reitermilizen. Human Rights Watch hat in Berichten zu Darfur unter anderem dokumentiert, wie in den letzten Monaten allein 38 Moscheen niedergebrannt worden sind, und Milizen die örtlichen Mullahs getötet haben – weil sie zur anderen Seite gehörten.

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