Politik : Rückkehr der Neugierde

Von Hermann Rudolph

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Ehre, wem Ehre gebührt, aber sein 235. Geburtstag am vergangenen Mittwoch war es nicht, der Alexander von Humboldt plötzlich zum Thema von Artikeln und Veranstaltungen machte. Es war der Autor Hans Magnus Enzensberger, ein literarischer Paradiesvogel der gediegensten Sorte, der ihn, zusammen mit dem exquisiten Büchermacher Franz Greno, nach allen Regeln des Marketings ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit katapultierte. Anlass ist ja eigentlich ein Buchpaket, das zeitgemäß HumboldtProjekt genannt wird, und nichts Geringeres zum Ziel hat, als ihn und seine Ideen „auf die Tagesordnung unserer Gesellschaft“ zu setzen.

Und was soll er da, der Weltreisende, der leidenschaftliche Erkunder von Naturphänomenen, der Enthusiast einer noch weitgehend unspezialisierten Wissenschaft, des Messens und Beschreibens und Sammelns? In einer Gesellschaft, die die Welt vor allem unter dem Albtraumbegriff der Globalisierung begreift, die zur Naturwissenschaft bestenfalls ein gespanntes Verhältnis unterhält, und der nichts so abgeht wie Begeisterung und Wissenslust? Richtig, hinter Enzensbergers Rückholung dieser Gestalt aus den Tiefen des 19. Jahrhunderts steckt eine ermunternde, pädagogische Absicht. Dieser Repräsentant der Kultur der Aufklärung, dessen Lebenszeit gerade noch heranreicht an die Anfänge von Fortschritt und Industrie, soll uns helfen, die Herausforderungen unseres Jahrhunderts zu bestehen.

Da wird vielleicht ein bisschen viel erhofft, aber lohnend ist die Entdeckung allemal. Von dem Denkmalssockel, auf den ihn der Bildungskanon befördert hat, steigt eine hoch interessante, faszinierende, lebensvolle Gestalt herab. Ein Welterkunder, der zugleich ein Mann von Welt war. Ein Riese des Erfassens und Verstehen-Wollens, der noch einmal zusammenhielt, was die künftigen Entwicklungen entzweiten – Geistes- und Naturwissenschaften, die Disziplinen und die Phänomene, die Empirie und die Empfindungen. Seine Berühmtheit, die eher eine Form des Vergessen-Seins ist – Forschungsreisender, Chimborazo-Besteiger, Bruder von Wilhelm, dem Universitätsgründer –, gewinnt ein imponierendes Profil inmitten der deutschen Bildungsepoche.

Davon könnten wir schon etwas profitieren. Die unerschöpfliche Neugierde, die Liebe zur Sache und Offenheit, mit denen Alexander von Humboldt seine Unternehmungen betrieb, könnten uns, zum Beispiel, lehren, wie man der Wissenschaft frei und anregend begegnen kann. Mit seiner Existenz, die er unter dem Motto führte, dass der Mensch das Gute und Große wollen müsse, könnte er ein Vorbild für eine Gesellschaft sein, die droht, sich in ihrer Dauerreflexion zu erschöpfen. Schließlich vermittelte der Mann die Erkenntnis, dass es in unserer Geschichte Möglichkeiten jenseits der deutschen Misere gegeben hat, frei von Verengungen, tolerant und weltoffen.

Berlin, übrigens, hätte besonderen Anlass, sich an Alexander von Humboldt zu halten. In der Singakademie, heute Maxim-Gorki-Theater, hielt er die berühmten Kosmos-Vorlesungen, vor vollem Haus: Sollte man sie nicht erneuern? Im Naturkunde-Museum befinden sich Präparate von ihm: Sollte die Erinnerung an ihn nicht dazu führen, die Bemühungen um die Wiederherstellung der Halbruine zu verstärken? Und was das Schloss und das geplante Humboldt-Forum angeht: Der Besinnung auf ihn könnte es, vielleicht, gelingen, diese Idee von aller Künstlichkeit zu befreien.

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