Politik : Rückkehr in das zerstörte Grosny

Elke Windisch

Um Allahs willen, geht nicht dorthin. Seht ihr denn nicht, das ist verwunschenes Land." Erregt fuchtelte die alte Tschetschenin mit den Armen, als vor fünf Jahren im ersten Kaukasuskrieg Reporter nahe dem Ort Snamenskoje auf ein Feld zusteuerten, das mit Mohn übersät war. Die roten Blüten, so glauben die Tschetschenen, sind das Blut von Menschen, die unschuldig starben. Es bahnt sich seinen Weg durch die Erde, durchdringt Gesteinsschicht um Gesteinsschicht, bis es die Schuldigen eingeholt hat. Dann drängt es an die Oberfläche, klagt an und fordert Sühne.

Heute kampieren hier Flüchtlinge aus Grosny. Dicht an dicht stehen die graugrünen Zelte auf dem Mohnfeld. Längst ist das kümmerliche Gras zertrampelt. Der rote Mohn, glaubt die Tschetschenin Madina, ist stärker. Bald wird er die Erde durchstoßen.

Fast jeder der über dreitausend Flüchtlinge hat Opfer im engsten Familienkreis zu beklagen. Madinas Haus in der Leninstraße sank beim den Flächenbombardements im Dezember in Schutt und Asche. Fast zwei Tage darauf grub sie ihren Mann aus. Er war tot. Wenig später traf es Töchterchen Ayschat. Ein herabstürzender Mauerbrocken zerquetschte ihr das linke Bein. In einem Keller, von Kerzen spärlich erleuchtet, amputierten Ärzte ihr den Oberschenkelknochen weit oberhalb des Knies. Bei vollem Bewusstsein der kleinen Patientin. Jetzt wuchtet sie bei jedem Schritt die Holzkrücken über den Boden und zieht dann das rechte Bein nach. Für die Fünfjährige ist das Schwerstarbeit. "Eine Prothese?" Madina lacht bitter auf. "Bis zu uns kommen ja nicht einmal die paar Medikamente, die humanitäre Organisationen geschickt haben." Die, sagen die Frauen, würden auf dem Markt für gutes Geld verkauft.

Seit zwei Tagen dürfen die Einwohner von Grosny offiziell wieder zurückkehren. Aber sie kommen in eine Stadt, die es nicht mehr gibt. Der erste Krieg radierte "nur" das Stadtzentrum von der Landkarte. Im zweiten Feldzug Moskaus blieb kein Stein auf dem anderen. Zwischen den ausgebrannten Stahlbetonskeletten hört man nur das Geräusch der eigenen Schritte. Sonst herrscht Totenstille in der Stadt, in der einstmals 400 000 Menschen ihr Zuhause hatten. Nun gehört sie den wilden Hunden, die in der Trümmerwüste nach Essbarem suchen.

Gespenstische Geschäftigkeit herrscht nur am Bahnhof, wo einige Frauen Trümmer wegräumen. Doch bisher steht nicht fest, ob Grosny je wieder aufgebaut wird. "Wir sollen den Ausländern Aufbauwillen und Optimismus demonstrieren", sagt Olga, eine russische Lehrerin, hinter vorgehaltener Hand. "Glaubt ihr vielleicht, wir würden uns die Lippen bemalen, wenn wir hier wirklich arbeiten würden?" Der Einsatz wird in der Tat nach knapp zehn Minuten geräuschlos beendet. Zerstörte Häuser kann man wegräumen, der Hass aber bleibt. "Wie sollen wir mit den Tschetschenen in dieser Stadt je wieder friedlich zusammenleben?", fragt sich die 45-jährige Lehrerin.

Auch das 15 Kilometer weiter östlich liegende Argun ist vom Frieden noch weit entfernt. Mit Anbruch der Dunkelheit tritt die Ausgangssperre in Kraft. Obwohl die Stadt schon im Spätherbst "befreit" und nur mäßig zerstört wurde. "Den Tschetschenen kann man nicht über den Weg trauen", sagt der Militärkommandant des Kreises. "Morgens hissen sie die russische Flagge, und nachts lassen sie die Kämpfer in die Stadt."

Spannung liegt in der Luft. Auch wenn auf den ersten Blick alles Frieden atmet. Von Aprikosenbäumen fallen rosa Blüten auf die Erde, die von Geschosseinschlägen zerwühlt ist und zaghaft zu grünen beginnt. Bienen summen in den Weiden unten am Fluss. Überall stehen schwer bewaffnete Posten, durch die Straßen rollen Panzerspähwagen.

Leyla steht in einem Hoftor und sieht den Posten nach. Gerüchte ängstigen sie, wonach Moskau plant, den Großteil der Tschetschenen in anderen Regionen Russlands anzusiedeln, um den Unruheherd im Kaukasus ein für alle Mal zu befrieden. Für Leyla wäre das nur eine weitere Katastrophe, gegen die sie machtlos ist. "Wir sind kaputt, zermürbt, erschöpft. Und haben sehr, sehr viele Männer im Kampf verloren", sagt sie. "Wir brauchen mindestens eine Generation, um uns zu regenerieren."

Um dann den Kampf wieder aufzunehmen, den Moskau seit fast 400 Jahren führt, ohne die Tschetschenen in die Knie zwingen zu können? Leyla lächelt ganz fein, nur aus den Mundwinkeln heraus: "Wenn Allah will, wird noch viel roter Mohn wachsen."

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