Rückrufaktion für Mars-Schokoriegel : Nur ein Kunststoffteil - mehr nicht

In einer holländischen Fabrik ist ein kleines Kunststoffteil in die Produktion gefallen. Bei aller öffentlichen Aufregung, ein Grund zur Hysterie ist das nicht. Ein Kommentar.

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Rückrufaktion für Mars-Schokoriegel.
Rückrufaktion für Mars-Schokoriegel.Foto: Reuters

In der Geschichte der industriellen Rückrufe ist dies vermutlich der mit dem größten Missverhältnis zwischen Ursache und Wirkung: Ein Plastikteil, Größe höchstens ein halber Quadratzentimeter, löst eine Aktion aus, die sich auf Millionen von Schokoriegeln erstreckt – und die sind auf angeblich 55 Länder verteilt. Selbst wenn man unterstellt, dass ein großer Teil dieser Menge längst problemlos verdaut ist oder noch in aller Ruhe gegessen wird, ist das ein gewaltiger Berg Nahrungsmittel, frei zur Vernichtung in einer Welt, die den Hunger längst nicht hinter sich gelassen hat.

Industriell gefertigte Lebensmittel sind so sicher wie noch nie in der Geschichte

Dabei ist nicht einmal wahrscheinlich, dass noch andere Teile aufs Produktionsband gefallen sind; dass sie überhaupt eine Gefahr darstellen, scheint ohnehin eine ziemlich theoretische Annahme. Vermutlich wäre ein solcher Vorfall deshalb noch vor wenigen Jahrzehnten nie in die Öffentlichkeit gelangt und folgenlos geblieben: ausspucken, weiteressen.
Darauf kann sich heute kein Konzern mehr verlassen. Denn der gewaltige Resonanzraum der klassischen wie der Internet-Medien hat das Risiko, das mit klammheimlichem Verschweigen verbunden ist, exponentiell erhöht. Zwar sind gerade konventionelle, industriell gefertigte Lebensmittel – was immer man von ihnen halten mag – so sicher wie noch nie in der Geschichte. Doch wenn etwas passiert, dann kann der Hersteller schnell in den Ruin gefegt werden.


Denn andererseits ist die Debatte über unsere Lebensmittel ja noch nie so emotionell, bisweilen hysterisch geführt worden, wegen der allgemein gesteigerten Erregtheit, und weil die zahllosen selbst ernannten Kämpfer gegen das Böse genau wissen, dass echte ebenso wie kunstgerecht aufgeblasene Skandale ihr Spendenaufkommen wundersam vermehren.
Die Schokoriegel-Affäre ist nun ein besonderer Fall. Denn es handelt sich um Lebensmittel, die ohnehin in Verruf geraten sind, weil sie als Dick- und Krankmacher gelten. Viele Kommentare, die in Internet-Foren zu lesen sind, laufen deshalb auch schlicht auf die Botschaft hinaus, um das Zeug sei es sowieso nicht schade.

Niemand braucht sie, Milliarden wollen sie

Süßwaren wie diese, so fürchten die Hersteller und Händler, könnten die neuen Zigaretten sein, verfemt von einer Gesellschaft, die die ständig wechselnden Ratschläge der Ernährungswissenschaft zum Nennwert nimmt, die Toten infolge der EHEC-Katastrophe dagegen als Kollateralschaden auf dem Weg ins grüne Glück weitgehend ignoriert.
Für Schokoriegel gilt wie für Zigaretten: Niemand braucht sie, Milliarden wollen sie. Und da ist es dann doch ganz gut, zu wissen, dass die Kontrolle, in diesem Fall die Selbstkontrolle, nach bisherigem Kenntnisstand funktioniert hat und selbst hypothetische Risiken begrenzen will, um jeden, auch unangemessen hohen Preis.


Alles andere können wir getrost abhaken. Ist die Sache mit dem Plastikteil nur ein durchtriebener Versuch, die persönlichen Daten der rücksendenden Kunden einzusammeln? Diese Theorie ist unterwegs, und sie wird ihren Weg machen wie so viele andere Schnapsideen zum selben Thema.
Nicht vergessen: In einer holländischen Fabrik ist ein kleines Kunststoffteil in die Produktion gefallen. Mehr nicht.

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