Rücktritt : Auf das Herz gehört

Kardinal Lehmann legt den Vorsitz der Bischofskonferenz nieder – aus gesundheitlichen Gründen. Der Mainzer hatte das Amt 21 Jahre lang inne.

Martin Gehlen
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Rückzug aus der Spitze. Kardinal Lehmann will sich künftig auf sein Bischofsamt in Mainz konzentrieren. -Foto: dpa

Am Montag bekamen alle deutschen Bischöfe Post von ihrem Vorsitzenden. „Ich habe mir die Sache gut überlegt“, erläutert Kardinal Karl Lehmann in dem zweiseitigen Schreiben seinen Entschluss, sein Amt an der Spitze der katholischen Kirche in Deutschland niederzulegen. „Deshalb bitte ich Sie auch um Ihr Verständnis.“ Nach Papst Benedikt XVI. ist Lehmann wohl der bekannteste und populärste deutsche Geistliche – ein Mann von genügsamer Lebensart, einem phänomenalen Personengedächtnis und einem geradezu übermenschlichen Arbeitspensum. „Ich hatte mich in letzter Zeit besonders übernommen“, offenbarte der Mainzer Kardinal jetzt seinen Mitbischöfen. Vor Weihnachten musste der 71-Jährige mit Herzrhythmusstörungen in ein Krankenhaus eingeliefert werden. In der anschließenden Kur reifte dann der Entschluss zum Rücktritt, schließlich ist er mit knapp 21 Dienstjahren inzwischen der am längsten amtierende Vorsitzende einer katholischen Bischofskonferenz weltweit.

In dieser Funktion, die er 1987 übernahm, war Lehmann stets ein Mann des Ausgleichs, der moderaten Töne und des Dialogs – zuweilen bis an den Rand der Selbstverleugnung. Das hat ihm den Vorwurf eingebracht, er laviere zu viel und ihm mangele es an Kampfgeist. Man könne nicht immer sachlich ausgewogen sein, gab der weltberühmte Jesuitentheologe Karl Rahner seinem Schüler Lehmann nach dessen Wahl zum Bischof von Mainz als Ratschlag mit auf den Weg. Es brauche auch „den Mut zur Einseitigkeit, zum Eintreten für eine Entscheidung, die nicht allen gefällt“.

Lehmann dagegen nahm Maß an einem anderen, dem früh verstorbenen Kardinal Julius Döpfner – einem Mann, der loyal zur Kirche stand, sich in seiner Funktion als Chef der Bischofskonferenz primär als Integrationsfigur verstand und dennoch, wenn nötig, den Konflikt riskierte. Die Früchte von Lehmanns Strategie des geduldigen Argumentierens und Überzeugens können sich sehen lassen. Ihr ist es zu verdanken, dass die deutsche Kirche vor allem in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht ähnlich tiefe innere Zerwürfnisse erlebt hat wie die Nachbarkirchen in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden und in Frankreich.

Lehmann hat sich aber immer auch mit Initiativen vorgewagt, die beim Heiligen Stuhl in Rom auf Missfallen stießen. Schon als junger Oberhirte schlug er vor, in begrenztem Maße verheiratete Männer als Priester zuzulassen und die Rolle der Frauen in der Kirche neu zu überdenken. In den 80er Jahren warb er zusammen mit anderen südwestdeutschen Bischöfen für einen offeneren Umgang der Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen – und holte sich erneut eine schroffe Abfuhr. Erfolglos focht er für den Verbleib der deutschen Katholiken im System der staatlichen Schwangerschaftsberatung. Und er hielt nicht mit seiner Überzeugung hinter dem Berg, dass die Kurie viel zu viel Macht hat und zu selbstherrlich agiert. Sein Verhältnis zum heutigen Papst Benedikt XVI. ist geprägt durch gegenseitigen Respekt, aber nicht eng und freundschaftlich. Den scharfen Kurs des deutschen Papstes gegenüber den protestantischen Kirchen verfolgt Lehmann mit Skepsis. „Die schwierige Lage der Ökumene liegt mir am Herzen“, schreibt der frühere Professor für Ökumenische Theologie an seine Mitbischöfe und kündigt an, seine Mitarbeit künftig darauf zu konzentrieren.

Der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber bedauerte Lehmanns Rücktritt und lobte dessen „ökumenisches Wollen und ökumenische Weitsicht“. Sie hätten die Zusammengehörigkeit der Christen und das Miteinander der Kirchen gestärkt. Der Zentralrat der Juden in Deutschland würdigte Lehmann als einen „verlässlichen und vertrauenswürdigen Ansprechpartner“.

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