• Rücktritt des Bürgermeisters von Tröglitz: "Die NPD benutzt leichtsinnige und naive Wutbürger"

Rücktritt des Bürgermeisters von Tröglitz : "Die NPD benutzt leichtsinnige und naive Wutbürger"

Weil er sich von der NPD bedroht sah, trat der Ortsbürgermeister im sachsen-anhaltischen Tröglitz von seinem Amt zurück. Im Interview lobt er die Einwohner seines Dorfes: "Die Gutherzigen sind jetzt mutiger geworden."

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Markus Gierth, zurückgetretener Ortsbürgermeister von Tröglitz
Markus Gierth, zurückgetretener Ortsbürgermeister von TröglitzFoto: Jan Woitas/dpa

Herr Nierth, Sie sind nach Bedrohungen der NPD vom Amt als Ortsbürgermeister der sachsen-anhaltischen Gemeinde Tröglitz zurückgetreten. Bundesjustizminister Heiko Maas nennt den Vorgang eine "Tragödie für unsere Demokratie". Sind Sie zufrieden mit dem, was Sie ins Rollen gebracht haben?

Ich freue mich, wenn jetzt etwas praktisch Nützliches dabei herauskommt, wenn die Ehrenamtlichen, die sonst immer so umworben werden, besser geschützt sind. Ich bin wirklich nur ein kleiner Ortsbürgermeister. Ich werde mich gar nicht in die große Politik einmischen.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht hat angekündigt, dass Demonstrationen vor Wohnhäusern von ehrenamtlichen Kommunalpolitikern in Sachsen-Anhalt nicht mehr genehmigt werden. Genau das aber war der Auslöser für Ihren Rücktritt.

Über diesen Erlass freue ich mich. Damit kehrt hoffentlich auch wieder etwas mehr Mut bei den Leuten zurück, denen aus Erschrecken über meine Geschichte das Herz in die Hose gerutscht ist.

Hat die Politik zu spät reagiert?

Mit Sicherheit. Ich habe nur zufällig erfahren, dass die von der NPD organisierte Demonstration bis zu meinem Wohnhaus gehen soll. Zwei Tage lang war ich von den Behörden nicht benachrichtigt worden. Der zuständige Beamte aus der Kreisverwaltung hat nicht bei mir geklingelt, als er Demonstrationsroute ablief und vor meiner Haustür stand, sondern dort eher mit dem NPD-Anmelder geklüngelt. Ein Skandal.

Ministerpräsident Reiner Haseloff sagt, Sachsen-Anhalt sei ein weltoffenes Land. Der Landesinnenminister spricht von einem Einzelfall. Wie schätzen Sie das ein?

Die Gefahr der Wiederholung hätte deswegen bestanden, weil die NPD eine heimtückische Strategie verfolgt. Sie benutzt leichtsinnige und naive Wutbürger, die vielleicht berechtigte Sorgen haben, nimmt sie an die Hand und missbraucht sie, um ihre braune Ideologie zu propagieren. Sachsen-Anhalt ist ein liebenswürdiges Land, da stimme ich dem Ministerpräsidenten absolut zu. Mein Fall bleibt hoffentlich ein Einzelfall. Die Menschen hier im absoluten Gros sind warmherzig und sehr wohl integrativ. Aber sie sind ängstlich und wollen aufgeklärt werden und haben ein Misstrauen gegenüber der Politik.

Wie sind die Reaktionen im Dorf?

Überwältigend. Es ist wirklich ein Ruck durch den Ort gegangen. Das trifft mich auch emotional. Sehr viele Leute kommen spontan vorbei, werfen Briefe ein, schreiben E-Mails. Eine ganze Straße hat sich zum Beispiel gemeldet und gesagt, wir stehen mit unserer Doktorin, unserer obersten Instanz sozusagen, hinter euch, also mir und meiner Familie. Es ist eine ganz große Anteilnahme, ein Aufwachen. Jetzt möchte ich den Leuten sagen: Ihr seid ein toller Ort, ihr seid überhaupt nicht braun, ihr habt gute Herzen. Lasst euch nicht runterziehen, auch nicht von dem Medienecho, das euch vielleicht als braun bezeichnen möchte. Packt's an, schafft die Integration!

Am Montagabend hat der Kreistag des Burgenlandkreises beschlossen, dass 40 Asylbewerber nach Tröglitz sollen. Ist die Chance nun größer geworden, dass Flüchtlinge tatsächlich im Ort aufgenommen werden?

Ja. Ich glaube, dass die Gutherzigen jetzt mutiger geworden sind und merken, worum es geht. Ich habe seit dem Wochenende viele Stimmen gehört, die sagen: Das war zu viel, jetzt werden wir uns engagieren.

Markus Nierth (46) war bis zum Donnerstag vergangener Woche ehrenamtlicher Ortsbürgermeister der knapp 3000 Einwohner zählenden Gemeinde Tröglitz im sachsen-anhaltischen Burgenlandkreis. Nach Bedrohungen der NPD trat der Kommunalpolitiker von seinem Amt zurück. Das Gespräch führte Matthias Meisner.

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