Rücktritt : Sarrazin verlässt die Bundesbank

Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin beendet seinen Vertrag vorzeitig. Man werde im gegenseitigen Einvernehmen die Zusammenarbeit zum Monatsende beenden, teilte die Bundesbank in Frankfurt mit.

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Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin stellt in Potsdam im Nikolaisaal sein Buch vor, als seine überraschende Entscheidung bekannt wird.
Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin stellt in Potsdam im Nikolaisaal sein Buch vor, als seine überraschende Entscheidung bekannt...Foto: Reuters

Thilo Sarrazin wird Ende des Monats aus dem Vorstand der Bundesbank ausscheiden. Eine entsprechende Meldung der Bundesbank bestätigte Sarrazin am Abend in Potsdam. „Ich habe den Bundespräsidenten gebeten, mich mit Ablauf des 30. September vom Amt des Bundesbankvorstands zu entbinden“, sagte der frühere Berliner Finanzsenator. Der Vorstand habe den Entlassungsantrag beim Bundespräsidenten zurückgezogen und „Anwürfe, ich hätte mich gegenüber Ausländern diskriminierend geäußert, nicht aufrechterhalten“.

Thilo Sarrazin, seine Frau und sein Buch
Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht beendet.Weitere Bilder anzeigen
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21.01.2011 18:02Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazins Buch in den Läden stapelweise auslag. Die Debatte über seine Thesen ist noch nicht...

In seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ beschwört Sarrazin die „Übernahme“ Deutschlands durch muslimische Migranten. Deren „enorme Fruchtbarkeit“ bedrohe „Europas kulturelles und zivilisatorisches Gleichgewicht“. Über seine Thesen, auch zur Vererbung von Intelligenz, wurde heftig gestritten, noch bevor das Buch Anfang des Monats in den Handel kam. Als Sarrazin schließlich die Existenz eines „Juden-Gens“ behauptete, forderte die Bundeskanzlerin öffentlich Konsequenzen. Bundesbankchef Axel Weber beantragte beim Bundespräsidenten Sarrazins Abberufung.

Sarrazin machte in Potsdam, wo er am Donnerstagabend seine Lesereise durch Deutschland begann, klar, dass er sich weiter im Recht sieht. Er trete einen „strategischen Rückzug“ an, weil er keine Chance sehe, sich „gegen das Establishment aus Politik und großen Teilen der Medien durchzusetzen“. Er sehe sich angesichts der großen Zustimmung aber nicht als Außenseiter, „selbst in der SPD nicht“. Die Partei habe er auch nicht geschädigt; sein Buch sei „in großen Teilen eine sachliche Analyse“: „Trotz des Furors der letzten Tage ist kein einziger Fehler gefunden worden.“ Der SPD-Vorstand und Sarrazins Berliner Kreisverband betreiben seinen Ausschluss aus der SPD.

Im ausverkauften Potsdamer Nikolaisaal wurde Sarrazin mehrfach von heftigem Applaus unterbrochen; vor der Tür protestierten etwa 150 Demonstranten gegen ihn.

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