Politik : Rückzug mit Risiken

Kanada holt seine Truppen nach Hause. Was bleibt vom Einsatz am Hindukusch? Das wird im Land heftig diskutiert – mit Lehren auch für Deutschland

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Ein paar Schulen mit unsicherer Zukunftsperspektive, eine Militärakademie – und eine reißerische Krankenhausserie. Das ist, so argwöhnen Kritiker, möglicherweise alles, was von dem beinahe zehnjährigen kanadischen Einsatz in Afghanistan übrig bleibt. In diesen Wochen zieht die Regierung in Ottawa nach und nach ihre vorübergehend fast 3000 Soldaten starken Truppen aus Kandahar ab. Und die kanadische Öffentlichkeit diskutiert darüber, was vom bis Jahresende befristeten Einsatz übrig bleibt – und ob er die 157 getöteten kanadischen Soldaten, Tausende Verletzte und rund 20 Milliarden Dollar an Steuergeldern wirklich wert war. Eine Debatte, wie sie angesichts des im kommenden Jahr bevorstehenden Rückzugs der Bundeswehr auch Deutschland bevorsteht.

„Die Mission ist größtenteils gescheitert“, sagt Janice Stein, Direktorin der Munk School of Global Affairs an der Universität von Toronto, Autorin des Standardwerkes „The Unexpected War“ über Kanadas Einsatz in Kandahar und eine der führenden Intellektuellen ihres Landes, beim Gespräch mit dem Tagesspiegel. Ihr Land habe mit zu wenigen Soldaten und dank eines diffusen Auftrags von Anfang an nur geringe Chancen gehabt, dauerhafte Veränderungen herbeizuführen. Und die Zukunft der wenigen kanadischen Erfolge beim Aufbau neuer Strukturen in Afghanistan – vom Bau dutzender neuer Schulen und einer Militärakademie bis zur Verkehrsinfrastruktur – hinge nun davon ab, wie stabil die Regierung von Präsident Hamid Karsai ist und ob die wiedererstarkenden Taliban ein Interesse daran haben, Einrichtungen wie Mädchenschulen fortzusetzen: „Da bin ich nicht besonders optimistisch“, sagt Stein.

Die kanadischen Medien bringen derzeit fast täglich Reportagen aus Afghanistan und Kommentare zur Bilanz der Mission – positiv sind die wenigsten. „Es scheint unvermeidlich, dass die Taliban das Land zurückerobern“, bilanzierte kürzlich der Autor und Kolumnist Richard Gwyn in der linksliberalen Zeitung „Toronto Star“. „Wir sollten zumindest den Anstand haben, uns einzugestehen, dass wir hier nur nach dem Motto handeln: Nichts wie weg!“ Das einzige, was dem kanadischen Publikum Woche für Woche Aussicht auf ein Happy End in Afghanistan vermittelt, ist die im Juni gestartete Fernsehserie „Combat Hospital“: Die erzählt in rasanten Bildern von den fiktiven Abenteuern kanadischer und anderer Militärärzte in Kandahar – die Kritiker attestierten der Reihe allerdings, mit der Wirklichkeit am Kriegsschauplatz rein gar nichts zu tun zu haben.

Bevor Kanada sich komplett aus Afghanistan verabschiedet, gibt es noch einen bis 2014 befristeten Einsatz nach dem Einsatz, der den Übergang erleichtern soll – bis zu 950 kanadische Ausbilder sollen die afghanischen Sicherheitskräfte so trainieren, dass sie ihr Land selbst verwalten und sich gegen die zu erwartenden Versuche der Taliban stellen können, die Macht nach dem Abzug der Nato-Truppen wieder an sich zu reißen. Die Ausbilder dürfen sich allerdings nicht mehr an Kampfeinsätzen beteiligen.

Die Perspektiven dieser Mission – die den Übergangssplänen anderer Länder wie Deutschland für die Zeit nach dem Militäreinsatz ähnelt – sind allerdings höchst umstritten: „Die Risiken weiterer kanadischer Opfer sind hoch, die Erfolgsaussichten gering“, urteilen Michael Byers und Stewart Webb, zwei kanadische Sicherheitsexperten der Universität von British Columbia, in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Angesichts der zunehmenden Angriffe der Taliban auf Trainingseinrichtungen, der sich verschlechternden Sicherheitslage, des niedrigen Bildungs- und Motivationsniveaus der afghanischen Sicherheitskräfte und auch angesichts der „korrupten und ineffektiven“ Karsai-Regierung sehen sie wenig Sinn darin, in Maßnahmen wie diese noch weiteres westliches Geld zu investieren.

Kanadas konservative Regierung hingegen zeigt sich noch optimistisch, zumindest einen Teil der Aufbauarbeit auch nach dem Rückzug der Armee fortsetzen zu können. Zwar halbierte Ottawa kürzlich den Entwicklungshilfe-Etat für Afghanistan – aber 100 Millionen Dollar im Jahr sollen weiter nach Kandahar und Umgebung fließen. Allerdings ist unklar, was ohne die schützende Hand der kanadischen Armee zum Beispiel aus den Schulen wird, deren Aufbau bis Jahresende abgeschlossen sein soll. „Es ist kaum wahrscheinlich, dass irgendjemand vom Außenministerium oder der Armee noch hier sein wird, um zu sehen, ob diese Schulen überhaupt künftig betriebsfähig sind“, bilanzierte der Afghanistan-Korrespondent der konservativen Zeitung „National Post“, Brian Hutchinson, kürzlich nach seinem vorerst letzten Besuch vor Ort.

Vielleicht ist die Frage von Erfolg oder Misserfolg am Ende einfach eine Definitionsfrage. Der mit einer absoluten Mehrheit wiedergewählte kanadische Premierminister Stephen Harper zumindest sieht im Militäreinsatz seines Landes einen „großen Erfolg“, wie er beim Abschiedsbesuch bei den Truppen sagte: „Afghanistan ist nicht mehr länger eine Bedrohung für die Welt.“ Das sei eine „enorme Leistung, die offensichtlich im kanadischen Interesse ist“. Politikwissenschaftlerin Janice Stein hingegen findet, das greife zu kurz: „Wenn der Sinn der Mission gewesen wäre, weitere Terrorangriffe zu verhindern, hätten wir schon kurz nach 2001 wieder gehen können“.

Andere messen den Erfolg in kleineren Schritten: Michel Henri St-Louis zum Beispiel, der Kommandeur einer kanadischen Kampfeinheit, beantwortete die Frage eines Journalisten nach der Nachhaltigkeit seines Einsatzes mit der Erzählung von einem zehnjährigen afghanischen Jungen: „Als er geboren wurde, durfte er keine Musik hören oder etwas anderes als den Koran studieren. Heutzutage stehen ihm verschiedene Lebenswege offen, er lernt lesen und schreiben – und er bekommt eine Ahnung von den Möglichkeiten, die er vor zehn Jahren nicht gehabt hätte.“

Eine ambivalente Bilanz, wie sie im kommenden Jahr wohl auch Deutschland bevorsteht: Ob der Einsatz der Bundeswehr als Erfolg verbucht werden wird oder nicht, „hängt davon ab, wen man fragt und wie derjenige Erfolg definiert“, sagt Markus Kaim, Leiter der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, die Bundesregierung und Parlament berät. „Wenn ausschließlich Terrorismusbekämpfung das Ziel gewesen wäre, hätten wir schon längst abziehen können – bei der Unterstützung der afghanischen Regierung in Sachen Sicherheit sind allerdings einige Erfolge vorzuweisen.“ Ob diese, wie auch die zaghaften Fortschritte in Sachen deutscher Entwicklungshilfe, den Abzug der Bundeswehr überstehen werden, wäre aus heutiger Sicht jedoch „hoch spekulativ“ – und eben auch immer eine Frage der Perspektive. Die Bundesregierung zumindest, so erwartet es Kaim, wird wohl gegen Ende der deutschen Mission ähnlich wie die kanadische Regierung einen großen Erfolg verkünden – „was danach passiert, wenn die Situation wieder ganz in den Händen der Afghanen liegt, wird dann hier in Deutschland niemanden mehr sonderlich interessieren“.

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