Rüstungsbeschaffung : Oberster Soldat wirft Bundeswehr Milliardenverschwendung vor

01.09.2010 15:34 UhrVon Rüdiger Scheidges
Volker Wieker, Generalinspekteur der Bundeswehr. Foto: ddp
Volker Wieker, Generalinspekteur der Bundeswehr. - Foto: ddp

Der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, äußert harte Kritik am desaströsen Beschaffungswesen der Truppe. Auch die Industrie bekommt ihr Fett weg. Wieker plädiert für radikale Maßnahmen.

Ohne eine grundlegende Reform des Beschaffungskreislaufs ist auch in Zukunft die sachgerechte Ausrüstung der Streitkräfte nicht gewährleistet“. Zu diesem harten Urteil kommt der Generalinspekteur der Bundeswehr, Volker Wieker, in einem vertraulichen Papier („Bericht des Generalinspekteurs der Bundeswehr zum Prüfauftrag aus der Kabinettsklausur“) an Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), das dem "Handelsblatt" vorliegt.

Zu Guttenberg informiert zur Stunde Fachpolitiker aller Fraktionen des Bundestages, um sie über seine Pläne zur Reform der Bundeswehr zu informieren. Der CSU-Politiker will die Streitkräfte um ein Drittel verkleinern und die Wehrpflicht aussetzen.

Wiekers Schelte am Beschaffungswesen der Truppe könnte derweil nicht härter ausfallen: „Zersplitterte Zuständigkeiten, bestehende Verfahren und Prozesse, Einflussnahme von außen und unzureichende Finanzausstattung schränken den Handlungsspielraum der Streitkräfte seit geraumer Zeit ein.“

Sämtliche großen Rüstungsprojekte der Bundeswehr seien darüber hinaus von drei negativen Merkmalen gekennzeichnet: „Sie fallen aus dem Kostenrahmen, sie fallen aus dem Zeitrahmen“ und sie brächten darüber hinaus „nicht einmal das geforderte Fähigkeitsspektrum.“

Mit anderen Worten: Die Bundeswehr und der Steuerzahler zahlen jährlich Milliardensummen für minderwertige Rüstungsgüter, die dennoch keine sachgerechte Ausrüstung der deutschen Streitkräfte gewährleisten. Wieker lässt keinen Zweifel, wem er die Schuld zuweist: „Hierfür tragen Bundeswehr und Auftragnehmer in der Wirtschaft gleichermaßen Verantwortung.“

Deshalb schlägt der Generalinspekteur eine „grundlegende Reform des Beschaffungskreislaufs“ vor. „Ohne die ist auch in Zukunft die sachgerechte Ausrüstung der Streitkräfte nicht gewährleistet,“ so Wieker in dem internen Papier.

Der Generalinspekteur plädiert angesichts der „bestehenden Unterfinanzierung“ für radikale „Anpassungen“ im Rüstungsbereich. In „eingehenden Verhandlungen mit Industrie und Wirtschaft“ sollen „Eingriffe in laufende Projekte“ bewirkt werden. „Hier gilt es, die Interessen der Bundeswehr klar und deutlich zu artikulieren und den Auftragnehmern gegenüber nachdrücklich zu vertreten.“

Das Gesamtpotenzial der Einsparungen werde entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, bei dem Verzicht auf bestimmte Rüstungsprojekte der Industrie Kompensationen an anderer Stelle anzubieten. Außerdem fordert Wieker eine Prüfung „inwieweit es möglich ist, Veräußerungserlöse für nicht mehr benötigtes bzw. im Umfang nicht mehr benötigtes neu zulaufendes Material zu erzielen.“

Wieker schlägt hiermit praktisch die einseitige Änderung bereits eingegangener Verträge mit dem Ziel vor, im Rahmen eines verminderten Beschaffungsvolumen der Industrie weniger abzukaufen, als mit ihr vereinbart worden ist. Den Erfolg dieser Notmaßnahme beurteilt er selber eher skeptisch: „Ein finanzieller Erfolg ist jedoch allenfalls mittel- und langfristig zu erwarten“.

Unterdessen hat Minister zu Guttenberg am Mittwoch vor dem Bundestags-Verteidigungsausschuss seine Vorstellungen für eine kleinere Bundeswehr der Zukunft dargelegt. Nach Handelsblatt-Informationen betonte der Minister erneut, dass dabei „auch die allgemeine Wehrpflicht auf dem Prüfstand“ stehe.

Generalinspekteur Wieker komme in seinem Bericht zu dem Schluss, „dass eine sicherheitspolitische Notwendigkeit für die allgemeine Wehrpflicht nicht mehr gegeben ist“. Der Erhalt des Pflichtdienstes sei erheblich teurer und außerdem „finanzplanerisch bislang in keiner Weise abgebildet“.

Deshalb sei eine Aussetzung der Wehrpflicht die „logische Folge einer Umfangreduzierung der Bundeswehr“, so der CSU-Politiker. Und nicht nur das: „Erst die Aussetzung der Wehrpflicht ermöglicht die notwendigen strukturellen Anpassungen“, sprich der Verkleinerung der Truppe. Stattdessen soll es ein „attraktiv ausgestaltetes Freiwilligenmodell“ geben.

Zur Truppengröße sagte zu Guttenberg, die im Wieker-Bericht zugrunde gelegte Zahl von 163 500 Soldaten sei „nur ein absoluter Mindestumfang“, über den noch diskutiert werden müsse. Für Stabilisierungsaktionen im Ausland sollen dauerhaft mindestens 10 000 statt der bisher angepeilten bis zu 14 000 Soldaten bereit stehen. Dies umfasse alle Teilstreitkräfte und erfülle die Verpflichtungen gegenüber Nato, EU und UN, so zu Guttenberg.

Quelle: Handelsblatt

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite