Politik : Rugova soll in Bonn oder Brüssel Farbe bekennen

Das "Institute for War & Peace Reporting" (London) publizierte im "Balkan-Krisenreport" den letzten Bericht eines Journalisten aus Pristina.Der Reporter, dessen Name ungenannt bleiben muß, hatte schon zuvor aus Pristina berichtet (Tagesspiegel, 31.März).Aus dem Englischen von Paul Stoop.

Am Montag haben alle Bewohner die Albaner-Viertel Dragodan und Taslixhe verlassen.Seitdem haben sie praktisch alle Häuser in Dragodan zerstört.Nur Frauen sind draußen, Männer sind zu sehr gefährdet.Kein Laden ist offen, wir leben von Vorräten.Gestern kamen Leute aus Dragodan, jetzt haben wir hier vier Familien in der Vier-Zimmer-Wohnung, 15 Leute.

Mehrmals täglich spreche ich mit befreundeten Journalisten im Ausland.Wir lachen und machen Witze.Aber der Redakteur, mit dem zusammenarbeite, ist verrückt.Ich erzähle ihm von den Ereignissen und Tragödien, und er redet nur vom Schreiben."Das ist interessant", sagt er.Aber niemand sonst wird schreiben.Alle sind untergetaucht, ich habe keine Ahnung, wo sie sind.Wir sind jetzt führerlos.Wir sind ganz allein.Ich habe mit Ärzten telefoniert.Sie sagten mir, sie könnten nicht genau feststellen, mit wieviel Kugeln der Körper des Anwalts Bayram Klimendi durchsiebt war.Und zwar deshalb, weil es "furchtbare und tiefe Zeichen von Mißhandlungen gab", wie sie sagten.So etwas jagt mir Schrecken ein.Daß einer kommt und mich umbringt, davor habe ich keine Angst, wenn es ein schneller Tod ist.Allmählich macht mir nur noch das Leben Angst.Meine Freunde in Belgrad und anderswo rufen an und sagen, ich solle gehen.Mein Gott, natürlich will ich hier raus.Ich halte es nicht mehr aus.Aber ich gehe erst, wenn ich eine absolut sichere Garantie habe, einen Passierschein, der uns ermöglicht, durchzukommen.Ein großer Konvoi hat die Stadt gestern in Richtung Mazedonien verlassen.Aber wir hörten, daß sie nicht durchgelassen wurden.Am Mittag bekommt die Familie zu hören, daß sie gehen muß.Dieser Bericht kann nicht zu Ende geschrieben werden.Ich kann nur noch eine weitere e-mail nach London schicken.

Unter dem Stichwort "NO STORY - sorry" lautete die letzte E-mail aus Pristina

Wir haben den Befehl bekommen, die Wohnung zu verlassen.Wir gehen JETZT, ich weiß nicht wohin ...Betet für mich, und ich werde euch sobald wie möglich anrufen.Aber vorerst sieht es danach aus, daß ich denselben Status habe wie die Leute, die vor ein paar Tagen ins Haus gekommen sind.Auf Wiedersehen.

Kurz nachdem die Familie die Wohnung verlassen hatte, rief das Institute for War & Peace Reporting in Pristina an: "Ist A.zu sprechen?" "Er mußte gehen", lautete die Antwort."Wann wird er zurück erwartet?" "Ich glaube nicht, daß er jemals zurückkehren wird."

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben