Politik : Rugovas Generalsekretär Sejdiu ist neuer Präsident des Kosovo

Enver Robelli

Pristina - Fatmir Sejdiu, den am Freitag das Parlament in Pristina zum neuen Präsidenten Kosovos gewählt hat, verdankt seinen Karrieresprung auch Glück. Nach dem Tod von Präsident Ibrahim Rugova war ein Machtkampf unter den Kosovo- Albanern befürchtet worden. Weil vor allem der US-Vertreter in Pristina, Philip Goldberg, deutlich Sejdiu als Nachfolger Rugovas unterstützte, kam es dazu bisher nicht. Dem Vorstand der Demokratischen Liga von Kosovo (LDK), deren Chef Rugova seit 1989 war, blieb nichts anderes übrig, als sich dem Wunsch anzuschließen, obwohl auch andere Bewerber um das Präsidentenamt kämpften.

Alle Politiker der albanischen Bevölkerungsgruppe kennen die ungeschriebene Regel, wonach kein böses Wort über die Amerikaner gesagt wird. Denn die USA waren 1999 federführend bei der Nato-Intervention gegen Serbien, jetzt hofft man in Pristina auf die Hilfe Washingtons bei der Lösung der Statusfrage Kosovos.

Rugova hatte die LDK autokratisch geführt; neben ihm konnte sich niemand profilieren. Der 54-jährige Sejdiu, Rechtsprofessor an der Universität von Pristina, ist deshalb zwar seit 1994 Generalsekretär der LDK, großen Einfluss hatte er aber nie. Er war stiller Parteisoldat, der zuletzt im Parlamentspräsidium seine Arbeit zuverlässig machte. Im persönlichen Gespräch wirkt Sejdiu, der aus dem nordkosovarischen Podujevo stammt, bescheiden, Hetze gegen Minderheiten liegen ihm fern. Wohl deshalb hält sich Belgrad mit negativen Reaktionen zurück. Dennoch sind in den anstehenden Verhandlungen über die Statusfrage Kosovos auch von ihm keine Kompromisse zu erwarten. Wie Rugova will er in diesem Jahr die Unabhängigkeit erreichen.

Der Öffentlichkeit in Kosovo wurde Sejdiu im Frühjahr 1998 bekannt, als er in Pristina Proteste gegen Massaker der serbischen Truppen an aufständischen Familien organisierte. Anders als Rugova, der die Kämpfer der Kosovo-Befreiungsarmee als „serbische Spione“ beschimpft hatte, suchte Sejdiu das Gespräch mit deren Vertretern. Deshalb wählten ihn auch einige Parlamentarier der Demokratischen Partei des früheren UCK-Führers Hashim Thaci. Die serbischen Abgeordneten boykottierten die Sitzung. In seiner ersten Parlamentsansprache appellierte der Präsident an die serbische Minderheit, voll am politischen Leben teilzunehmen.

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