Politik : Ruhe nach der Flut

In den Bürgerkriegsregionen in Sri Lanka und Indonesien schweigen nach dem Beben die Waffen – die Frage ist, wie lange

Ruth Ciesinger,Ulrike Scheffer

Berlin - Zum menschlichen Leid kommt die politische Krise. Das Seebeben vor einer Woche hat nicht nur Zehntausende Menschen getötet, sondern auch Länder getroffen, deren staatliches Gefüge bereits schwer erschüttert ist. Sri Lanka und Indonesien haben mit bisher offiziell 27 000, beziehungsweise 80000 Toten die meisten Opfer zu beklagen. Und beide Länder leiden seit Jahren unter Bürgerkriegen, die nicht nur ebenfalls Tausende von Menschen dahingerafft, sondern auch die Infrastruktur für die jetzt notwendigen Hilfslieferungen zu großen Teilen zerstört haben. Die Chance, dass die Naturkatastrophe und deren Folgen Regierung und Rebellen nun wieder zusammenführt, schätzen Experten dabei als eher gering ein.

Auf Sri Lanka standen Regierungstruppen und tamilische Separatisten nach Ansicht von Beobachtern Mitte Dezember kurz vor einem neuen Krieg. Auf der Insel kämpfen die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) seit 1983 für einen unabhängigen Tamilenstaat im Norden und Osten des Landes. Große Teil der Region werden von ihnen kontrolliert. Zwar unterzeichneten Vertreter der LTTE sowie der singhalesischen Regierung im Februar 2002 ein Waffenstillstandsabkommen. Doch die Verhandlungen waren vor der Flutwelle ins Stocken geraten – so sehr, dass sich sogar die offiziellen norwegischen Vermittler sehr frustriert äußerten.

Jetzt ist die Lage mehr als unübersichtlich. Die Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf den Süden der Insel, wo die großen Touristenzentren waren. Schon jetzt liegt die offizielle Totenzahl bei fast 27 000. Doch da aus den Rebellengebieten im Norden noch kaum verlässliche Informationen über Opfer zu bekommen sind, könnte deren Zahl noch dramatisch steigen, sagt Christian Wagner, Asienexperte der Stiftung für Wissenschaft und Politik in Berlin. Zwar hat Präsidentin Chandrika Kumaratunga sofort zugesagt, dem Norden zu helfen und internationale Lieferungen auch in die Rebellengebiete zu schicken. Doch der Transport der Hilfsgüter vom Flughafen in der Hauptstadt Colombo in die betroffenen Regionen ist wegen zerstörter Straßen und beschädigter Eisenbahnschienen überhaupt nicht gesichert. Außerdem sind die Küstengebiete im Osten der Insel nach 20 Jahren Bürgerkrieg vermint, was Wiederaufbauarbeiten zusätzlich behindert. Tamilenführer haben jedenfalls schon an die internationale Gemeinschaft appelliert, ihnen lieber direkt zu helfen. Sie befürchten, dass die Regierung durch die Hilfe Einfluss in der Region zurückgewinnen will – was den Konflikt weiter schüren würde.

Auch in Indonesien erschwert die politische Situation die Hilfe für die Flutopfer. In der Provinz Aceh, die am stärksten betroffen ist, kämpft die „Bewegung freies Aceh“ (GAM) gegen die Zentralregierung. Zwar schlossen die Konfliktparteien kurz nach dem Seebeben eine Waffenruhe, die Regierung erlaubte ausländischen Helfern aber zunächst nicht, nach Aceh zu fahren. Erst nach und nach wird das Ausmaß der Schäden deutlich – und die Zahl der Opfer bekannt. Deshalb steigen die Totenzahlen in Indonesien auch weiter massiv an. Vor der Flut war es Ausländern strikt verboten, nach Aceh zu reisen. Die Regierung möchte die politische Krise aus den internationalen Schlagzeilen heraushalten und die Rebellen möglichst isolieren. Deshalb leistete das indonesische Militär im Überschwemmungsgebiet erste Hilfe – die von der Bevölkerung trotz des Misstrauens gegen die Regierung auch angenommen wurde. Ob dies zur Entschärfung des politischen Konflikts beitragen kann, bleibt abzuwarten.

Ein Beispiel aus der Geschichte macht wenig Hoffnung auf eine positive Wende. So war im November 1970 ein Zyklon mit meterhohen Flutwellen über das damalige Ostpakistan hereingebrochen. Die Schäden waren gigantisch, rund 300 000 Menschen starben. Westpakistan, und dort vor allem die Armee, verteilten die Hilfsgüter damals derart ungerecht, dass die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region nochmals Auftrieb bekamen. Nach einem kurzen, blutigen Krieg erlangte dann das heutige Bangladesch im Frühjahr 1971 die Unabhängigkeit.

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