Politik : Ruhelose Geister

Sie versuchen sich selbst zu begreifen – wie ein britischer Journalist die Erinnerungskultur der Deutschen sieht

Roger Boyes

Die Überlebenden purzeln aus den Touristenbussen, als ginge es darum, den Eiffelturm zu besichtigen, oder Big Ben. Es ist ein strahlend sonniger Tag im Konzentrationslager Belsen und einige Hundert ehemalige Gefangene sind gekommen, um den 60. Jahrestag der Befreiung zu feiern. Zumindest an diesem Ort findet keine semantische Debatte darüber statt, ob Deutschland einer Niederlage, einer Befreiung oder einer Besatzung gedenken sollte. Die gebrechlichen Reisenden mit Wohnsitz in New Jersey und Tel Aviv verdanken ihr Leben dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und der Tatsache, dass britische Truppen ihnen Essen und Medizin gegeben haben. Sie brennen an diesem Tag darauf, ihre Geschichten zu erzählen und alle scheinen frei von Hass gegenüber den Deutschen zu sein. Eine Frau, Liliane Eckstein, erzählt, sie habe 82 ihrer Verwandten im Holocaust verloren. Am Tag der Befreiung wog sie 28 Kilo, sie war 17 Jahre alt.

Mir fiel an diesem Tag auf, dass alle Überlebenden um uns herum – Polen, Ungarn, Holländer und Belgier – untereinander deutsch sprechen. Dabei war kein einziger Deutscher anwesend, abgesehen von der Museumsleitung. Es gibt ein deutsches Trauma, doch dieses Trauma ist Teil einer viel größeren europäischen Tragödie. Es ist bemerkenswert, dass Lettlands Präsidentin Vike-Freiberga – erbitterte Gegnerin der Auffassung, der 8./9. Mai sei ein Tag der Befreiung – sich mit Wladimir Putin nicht auf russisch, sondern auf deutsch verständigt.

Daher ist die Debatte um den 8. Mai – Befreiung oder Niederlage? – nicht, wie viele britische, amerikanische und französische Kommentatoren glauben, eine Übung im deutschen Narzissmus. Die Fragen, die mit dem 60. Jahrestag aufgeworfen werden, sind notwendig, damit Europäer allerorten ein Auskommen mit den Wirren des Holocaust finden, mit Hitler und mit Gesellschaften, die im Widerstand gegen das Böse oder bereits in der Feststellung desselben Schwächen zeigen. Bis heute war Deutschland immer das fehlende Puzzleteil. Wir, die Briten, die Russen, die Franzosen, die Polen und die Amerikaner haben unsere eigenen Geschichten und Mythologien konstruiert; wir haben unsere Helden gefunden. Doch die Unfähigkeit Deutschlands oder seine Nicht-Bereitschaft zu trauern, das Leiden öffentlich zu diskutieren, ferne Gräber ausfindig zu machen, die demolierte Psyche zu behandeln, hat wiederum uns Briten – Deutschlands Kriegsgegner – unfähig gemacht, unser Verhalten zu beurteilen. Gerhard Schröder hat zum Jahrestag des D-Day das Kapitel Zweiter Weltkrieg für abgeschlossen erklärt, er besuchte das Grab seines Vaters in Rumänien und am 9. Mai wird er mit Russland feiern – wohl wissend, dass der eigene Vater von einer sowjetischen Katjuscha-Rakete getötet wurde. Dahinter steckt eine komplizierte biographische Entwicklung, aber es ist für uns alle ein kompliziertes Jahr gewesen.

Während die Deutschen sich von Opfern zu Überlebenden umdeuteten, mussten auch die Nicht-Deutschen ihre Geschichte einer Neubewertung unterziehen. Nach dem D-Day kam der Jahrestag des 20. Juli, der Verschwörung gegen Hitler, und setzte für die Briten, und damit auch für mich, eine Selbstanalyse in Gang. Ich hatte die allgemeine britische Skepsis gegenüber den Verschwörern geteilt: Sie kamen spät, waren nicht von dem wahrhaft Bösen des Regimes getrieben, sondern von der Furcht vor der bevorstehenden Niederlage, sie waren Nationalkonservative. Mit dem Fortschreiten des Jahres der Jahrestage veränderte sich meine Meinung. Vielleicht waren sie – trotz ihres dramatischen Märtyrertums – keine konventionellen Helden. Sicher ist jedoch, dass sie einen Versuch der Selbstbefreiung unternommen haben und, indem sie den Treueeid gegenüber Hitler brachen, lieferten sie einen wesentlichen Beitrag dazu, eine neue nachkriegsdeutsche oder europäische Identität zu formen.

Für die Polen bot ein anderer Jahrestag, die Feiern zum Warschauer Aufstand, Anlass, sich der Kriegsvergangenheit neu zu stellen. Bis heute haben die Polen noch nicht entschieden, ob der Aufstand ein reiner, tollkühner Akt des Widerstands war oder ein politisches Spiel der polnischen Partisanenarmee, mit dem Ziel, Warschau zu kontrollieren, bevor die Rote Armee die polnische Hauptstadt sowjetisieren würde. Die Russen waren über die Lesart empört, die Rote Armee habe absichtlich gewartet, bis die Polen von den Deutschen niedergemetzelt waren. Damit nahm die europäische Debatte einen neuen Anfang: Befreiung oder Besatzung?

Die osteuropäischen Debatten um das Ende des Krieges haben daher einen direkten Bezug zu der Frage, wie Deutschland sich selbst in Europa sieht. Es reicht nicht mehr länger, sich selbst als Gewinner oder Verlierer zu betrachten. Und es genügt nicht mehr, einen Nationalstaat über Oppositionen zu definieren. So lange die baltischen Staaten versuchen, ihre Bevölkerung über Negativbegriffe an sich zu binden – als Anti-Russen –, werden sie schwach sein, instabile Akteure in einem neuen Europa.

Aus dem gleichen Grund können Deutsche sich nicht auf einmal als Opfervolk definieren. Eine Zeit lang sah es so aus, als würde Deutschland der Versuchung des Selbstmitleids erliegen. Von allen deutschen Charaktereigenschaften ist diese die unattraktivste, und darüber hinaus die gefährlichste. Nicht Angst, Aggression, Arroganz oder ähnliche Attribute, die den Deutschen normalerweise von den Briten gegeben werden, sind es, sondern jenes tiefe Gefühl, den Deutschen sei Unrecht widerfahren, die Geschichte habe sie betrogen. 2005 brachte einen ganzen Prozessionszug deutscher Miseren: die Gustloff (und nicht allein dieses unglücksträchtige Schiff ), die Bombardierungen, die Vertriebenen, die russischen Vergewaltigungen. Diese Jahrestage verliefen parallel zu denen der Befreiung von Auschwitz, Buchenwald, Sachsenhausen, Dachau. Unweigerlich kam es zu Konfusionen – sie gipfelten im „Bombenholocaust“-Protest der NPD im Sächsischen Landtag. Wen betrauern wir: uns oder unsere Opfer? Wenn die Antwort „beide“ lautet, wie verhindern wir dann eine Gleichsetzung des Leids?

Mein Instinkt als Engländer drängte mich in Dresden auf die Seite jener Linken, die ein Transparent mit der Aufschrift „No tears for Krauts“ hoch hielten. Schließlich: Wie viele hundert Gustloffs passen in ein Auschwitz? Die Briten haben Kriegsleiden immer schon mathematisch berechnet: wir wiegen die durch unsere Bomben getöteten deutschen Zivilisten gegen die im Blitzkrieg getöteten britischen Zivilisten auf. Die Zahlen gewähren eine gewisse Beruhigung, doch sie produzieren moralische Unschärfen.

2005 war auch das Jahr, in dem ich den Glauben an eine zahlenbasierte Geschichtsschreibung verlor: Ich habe Auschwitz besucht und dort mit einer jüdischen Frau gesprochen, die wie eine Katze sieben Leben zu besitzen scheint, die sich bis heute nicht erklären kann, wieso sie noch am Leben ist. Ich war in Dresden und eine deutsche Frau erzählte mir von schwarz verkohlten Leichen, die vor ihrer Haustür gelegen haben und deren Anblick sie bis heute verfolgt. Die Dresdnerin war voller Abscheu gegenüber Auschwitz, die jüdische Frau, und das erschien mir bemerkenswert, zeigte Abscheu gegenüber der Bombardierung Dresdens. Ich wünschte, ich hätte die beiden Frauen zusammenbringen können.

Der Krieg erteilt uns eine grausame Lektion: dass eine Niederlage schmerzhaft ist und eine Befreiung ihren Preis hat. Wir wussten das bereits 1945, spätestens 1955. 60 Jahre später lassen sich aber zwei neue Entwicklungen beobachten. Beide suggerieren, dass Deutschland sich bald einer Heilung unterziehen, das Trauma abstreifen wird. Die erste Erkenntnis: Eine Verpflichtung zur Erinnerung – der Schmerz und die Kosten des Krieges – ist auf die Jahrgänge 1930 bis 1945 gefallen. Das Schweigen der Eltern im Nachkriegsdeutschland, der Exhibitionismus und der radikale Vatermord von ’68, hat die Tatsache verschleiert, dass viele Deutsche dieser Generation anhaltende Verletzungen davongetragen haben. Ungefähr ein Viertel aller Kinder wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Vater auf; der Krieg hat 1,7 Millionen Frauen zu Witwen gemacht; hinzu kommen fast 2,5 Millionen Halbwaisen. Jörg Friedrich zufolge sind etwa 500000 Deutsche – vor allem Frauen, Kinder und Ältere – im Bombenkrieg zu Tode gekommen. Mehr als zwei Millionen Zivilisten starben auf der Flucht oder während der Vertreibung. Psychiater und Therapeuten in Berlin verdanken ihren Lebensunterhalt heute den mittlerweile erwachsenen Nachkommen der Vertriebenen und Ausgebombten. Sie sind das Herz der deutschen Depression: sie schlafen schlecht, sie kommen mit den sich wandelnden Familienhierarchien nicht zurecht, sie haben massive Verlustängste.

Die zweite Entwicklung ist die mediale Vermarktung des Krieges. Er wird – häufig von Nachkommen dieser verwundeten Generation selbst – zu einem pädagogischen Entertainment ummodeliert. Das vergangene Jahr hat schlechte Filme wie „Der Untergang“ und gute Filme wie „Der Neunte Tag“ hervorgebracht: seit 61 Jahren waren nicht mehr so viele Hakenkreuze auf deutschen Filmplakaten zu sehen. Es gibt derzeit mehr Hitler-Darsteller als Tatort-Kommissare.

Hinter diesen beiden Entwicklungen lauert eine Gefahr: dass Erinnerung nur noch durch medienwirksame Aussagen von Überlebenden gefiltert wird, die beschreiben, wie sie gelitten haben, aber nicht warum. Das Ergebnis ist zuweilen eine fragmentarische, sentimentale Version der Geschichte. Und da Augenzeugen, zumindest im Fernsehen, mehr Gewicht gegeben wird, als historischen Analysen, stellt sich uns die Tragödie durch ein Schlüsselloch betrachtet dar. Hätte es im Bunker Fensterscheiben gegeben, hätten wir mittlerweile schon von Hitlers Fensterputzer gehört.

Ungeachtet all dieser Unzulänglichkeiten ist dieser Ansatz, mit Erinnerung umzugehen, jeder Geschichtsverwaltung durch die politische Klasse vorzuziehen. Ich würde mir meine Gefühle letztlich lieber von Bernd Eichinger als von Gerhard Schröder manipulieren lassen. Die Deutschen haben die Wiedereingliederung mit einem Schweigen der Bundesrepublik über die Verbrechen bezahlt. Gedenken – und Gerechtigkeit – galt der jungen Demokratie als schädlich. Die politische Kontrolle über die Erinnerung hat somit die Debatte (oder Nicht-Debatte) seit der Stunde null vergiftet. Jene moralischen Wirren sind aus Lügen entstanden, aus Biographien, die von einer Nachkriegsordnung gedeckt wurden, die vor allem um Rehabilitation bemüht war, um den Aufbau eines Bollwerks gegen den Kommunismus. Nun ist dieses Korsett geplatzt, wir müssen uns zudem mit der noch stärker manipulierten Erinnerungskultur der DDR auseinander setzen. Wenn der Preis, den wir bezahlen müssen, um dieser Altlast zu entkommen, darin besteht, das Erinnerungsmanagement Guido Knopp zu überlassen, dann sei es so.

Seit dem vergangenen Jahr habe ich das Gefühl, als hätte ich die Deutschen bei ihrem Gang durch einen dunklen Wald begleitet. Die Deutschen, so scheint mir, begreifen langsam, woher sie kommen und wohin sie gehen. Der polnische Aphoristiker Stanislaw Lec hat dies so ausgedrückt: Vor der Wirklichkeit kann man seine Augen verschließen, aber nicht vor der Erinnerung. Ich habe das Jahr als Skeptiker begonnen, habe darauf gewartet, dass Schröder in der Normandie in irgendein Fettnäpfchen tritt. Ist er nicht. Die Zeiten sind vorbei, in denen ein deutscher Kanzler einen internationalen Skandal auslöst, indem er die falschen Gräber besucht.

Langsam, ganz langsam, entwickle ich einen Stolz auf die Deutschen, meine Gastgeber: sie haben einen herausragenden Versuch unternommen, sich selbst zu begreifen und damit dem Rest Europas gezeigt, wie man mit seinen ruhelosen Geistern umgehen kann.

Der Autor ist Korrespondent der Londoner „Times“ und Tagesspiegel-Kolumnist.

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