• Russen teilten das Fell des Bären, obwohl er nicht erlegt ist - Meldungen über baldigen Sieg kamen zu früh

Politik : Russen teilten das Fell des Bären, obwohl er nicht erlegt ist - Meldungen über baldigen Sieg kamen zu früh

Elke Windisch

Russlands Altvordere waren wieder einmal weiser als die Generäle. Das Fell eines Bären soll man nicht teilen, bevor man ihn erlegt hat, lautet ein Sprichwort, das eigens für den Krieg in Tschetschenien gemacht scheint: Voller Stolz tönte letzte Woche der stellvertretende Oberbefehlshaber der russischen Regierungstruppen im Kaukasus, Generaloberst Gennadij Troschew, die militärische Seite der Anti-Terror-Operation sei im Prinzip beendet. Aber eben nur im Prinzip. Die gegenwärtigen Kämpfe seien genauso schwer und verlustreich wie der Sturm von Grosny im Januar, räumte jetzt kleinlaut sogar das Staatsfernsehen ein. Die private Konkurrenz sieht es noch dramatischer: Der Ausgang der gegenwärtigen Etappe entscheide über den Erfolg der gesamten Operation, warnte am Samstag NTW.

In der Tat mussten Moskaus Tschetschenienkrieger in den letzten Tagen gleich mehrere schwere Schlappen einstecken. Generalstabschef Anatolij Kwaschnin hat daher am Wochenende erneut persönlich die Leitung der Operation übernommen. Er machte deutlich, dass Eile geboten sei. Aus gutem Grund: Der bergige Süden Tschetscheniens besteht aus undurchdringlichen, seit Jahrhunderten natürlich gewachsenen Laubwaldmassiven, in denen klassische Positionsgefechte nicht möglich sind. Um einen Partisanenkrieg zu vermeiden, mit dem Tschetschenenpräsident Aslan Maschadow Anfang Februar aus dem Untergrund drohte, hätten die russischen Truppen daher mit den Rebellen vor Frühjahrsbeginn fertig werden müssen. Dieses Ziel erreichte Moskau nicht einmal in Ansätzen.

Ein "aufgeriebener und demoralisierter Gegner" - bisher Standardfloskel der offiziellen Frontberichterstattung - dürfte kaum in der Lage sein, sich planvoll in vorbereitete Stellungen tief im Hinterland der Russen zurückzuziehen. Genau das aber passiert gegenwärtig. Die Armeeführung selbst spricht von immer neuen Durchbrüchen der Tschetschenen in die Ebene, die angeblich bereits vor Monaten "befreit" wurde. Dazu kommen Versuche, nach Inguschetien und Dagestan durchzukommen. Niedere Chargen machen in Privatunterredungen aus ihrem Unmut keinen Hehl: "Die Tschetschenen haben aus dem sowjetischen Afghanistan-Abenteuer vor 20 Jahren eine Menge gelernt, wir offenbar nichts", sagte ein Major aus Südrussland.

Erstmals seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges kommen auch in russischen Medien Soldaten zu Wort, die über massiven Widerstand der tschetschenischen Zivilbevölkerung jammern: Die Bevölkerung stehe hinter den Kämpfern, räsonierte ein Unteroffizier vor laufender Kamera. Tagsüber gäben sie den friedlichen Zivilisten, um nachts die Kämpfer wieder ins Dorf zu lassen. Sogar eine Russin, die vor über 30 Jahren nach Tschetschenien geheiratet hat, meinte, es sei "töricht zu erwarten, dass wir unsere Kinder den Besatzern ausliefern".

Nun rächt sich auch, dass Interimspräsident Wladimir Putin unter dem Druck der Generalität Verhandlungen mit der tschetschenischen Führung zunächst rundheraus ablehnte: Durch die gezielte Demontage von Präsident Maschadow hat der tschetschenische Widerstand keine einheitliche Führung mehr; die Feldkommandeure handeln auf eigene Faust und der Krieg ist nun überall und nirgends. Moskau ist daher gezwungen, den Einsatz der Luftwaffe zu reduzieren, denn der unklare Frontverlauf erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass bei den berüchtigten "punktgenauen Bombenschlägen" die eigenen Stellungen beschossen werden. Das aber kann Wahlkämpfer Putin sich nicht erlauben. Er schloss unterdessen in einem BBC-Interview einen Beitritt seines Landes zur Nato nicht aus.

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