Politik : Russisch-indische Beziehungen: Putin wirbt mit Waffengeschäften um Indiens Gunst

Gabriele Venzky

Was Bill Clinton vor einem halben Jahr recht war, konnte dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nur billig sein: Am Mittwoch sprach auch er vor dem indischen Parlament. Das ist eine Ehre, welche die Inder nur sehr wenigen zuteil werden lassen. Aber Putin repräsentiert immerhin den Staat, der die Nachfolge des engsten und verlässlichsten Verbündeten Delhis angetreten hat, und als dementsprechend wichtig war der dreitägige Staatsbesuch des russischen Präsidenten in Indien eingestuft worden.

Putin kam höchst besorgt ob der neuen Freundschaft, die sich zwischen den USA und dem als kommender Großmacht umworbenen Indien anbahnt. Zu eng sollten nach Ansicht des Kreml diese Bande nicht werden, geschweige denn die alte Brüderschaft ersetzen. Putin bot deshalb zwei Dinge, welche die Amerikaner nicht anbieten wollen: Waffen und Balsam für eine Wunde, die seit dem Ende des Kalten Krieges nicht recht heilen will. Das Wort Blockfreiheit selbst nahm der russische Präsident zwar nicht in den Mund, diesen Begriff, an dem sich indisches Selbstverständnis fast ein halbes Jahrhundert orientiert hat. Aber er beschwor die Verpflichtung beider Staaten, sich keinem militärischen Block anzuschließen.

Vielen Intellektuellen in Indien, wie auch einer ganzen Reihe jener älteren Politiker, die immer noch das Land regieren, sind die neue kapitalistisch-globale Welt und die jetzige Hegemonie der Amerikaner unbehaglich. Das Ende der Sowjetunion ist ebenso wenig verdaut, wie der Traum von einer besseren sozialistischen Welt zu den Akten gelegt ist. Mit Samthandschuhen kam denn auch Putin daher. Gewiss, das Thema Kaschmir sprach er politisch korrekt an, indem er Indien und Pakistan aufforderte, endlich einen Kompromiss zu finden, selbstverständlich ohne Einmischung von außen und unter Respektierung der derzeitigen Waffenstillstandslinie. Doch von der Brisanz des Konflikts, der nach Meinung Clintons diese Region zu einer der gefährlichsten der Welt gemacht hat, weil sich hier zwei frischgebackene Atommächte gegenüberstehen, scheint man im Kreml nicht so überzeugt zu sein. Da scheint die Sorge vor dem internationalen Terrorismus, wie er von den Taliban exportiert wird, größer zu sein.

Wie zu alten Sowjetzeiten standen denn auch Waffengeschäfte ganz oben auf der Liste. Da gibt es keine Hemmschwellen, wie etwa die Tatsache, dass Delhi sich weigert, das Atomteststoppabkommen oder gar den Sperrvertrag zu unterzeichnen. Nachdem die Ukraine 320 moderne Panzer vom Typ T-80UD an den Erzfeind Pakistan verkauft hat, sah sich Indien gezwungen "nachzuziehen", und zwar um fast jeden Preis. Von dem "Panzergeschäft des Jahrhunderts" spricht denn auch jubelnd die russische Presse, 300 supermoderne T-90, von denen 100 in Russland, der Rest in Indien montiert werden. Hinzu kommen die neuesten Kampfjets vom Typ Su-30, und zwar zunächst 40 Stück, was Russland pro Jahr vier Milliarden Dollar einbringt, und ein Flugzeugträger für eine Milliarde.

Indien nimmt zusammen mit China über 60 Prozent aller russischen Waffenexporte ab. Allerdings ist man in Delhi nicht sonderlich erfreut darüber, dass China in immer größerem Umfang mit den neuesten Systemen beliefert wird. Doch für die Russen ist es wichtig, die alte Achse Moskau-Peking-Delhi zu erhalten, und dementsprechend hat Putin auch die Inder ermuntert, die zwiespältigen Beziehungen zu dem großen asiatischen Konkurrenten zu verbessern.

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