Russisch-polnisches Verhältnis : In Trauer versöhnt

In Polen reibt man sich die Augen ob der mitfühlenden Reaktionen russischer Politiker nach dem tödlichen Absturz der polnischen Präsidentenmaschine. Die aber hatten ohnehin geplant, ihr Verhältnis zu den Polen zu reparieren.

Wer hätte erwartet, dass ein polnischer Außenminister einmal solche Worte benutzen würde, um das Verhältnis zu Russland zu beschreiben? Radoslaw Sikorski sagt, ein "psychologischer, emotionaler Durchbruch" im Verhältnis zu Russland sei geschehen. Ein Durchbruch, der Auswirkungen auf die Politik haben werde. Das sind völlig neue Töne zwischen zwei Ländern, die sich seit Jahrhunderten beargwöhnen.

Selbst Weggefährten des nationalkonservativen, russlandverachtenden Lech Kaczynski sind plötzlich voll des Lobes über Russland. "Dieses sanfte, liebenswürdige Vorgehen haben wir nicht erwartet", sagt der Kaczynski-Vertraute und stellvertretende Chef des polnischen Nationalen Sicherheitsdienstes, Witold Waszczykowski. "Natürlich wird das positive Auswirkungen auf das Verhältnis unserer beiden Länder haben."

Auch Polens Botschafter in Moskau ist beeindruckt. "Wir können die russische Solidarität bei jedem Schritt spüren", sagte er im Fernsehen. Marek Prawda, der polnische Botschafter in Deutschland, bringt die allgemeine Gefühlslage auf den Punkt. "Man hat das kaum erwartet."

Die einstige Hegemonialmacht scheint entschlossen zu sein, aus dem tödlichen Absturz der polnischen Präsidentenmaschine auf russischem Boden das Beste für die Beziehungen zwischen beiden Ländern zu machen. Die Meinungsverschiedenheiten in der Verteidigungs- und der Energiepolitik werden sich dadurch nicht in Luft auflösen. So warnte auch Sikorski vor allzu großen Hoffnungen. Manche Interessen verbänden Polen und Russland, andere teilten die beiden Länder. Aber die Ereignisse könnten die bereits begonnene vorsichtige Annäherung verstärken.

Außenminister Sikorski führt das große Engagement der russischen Staatsführung für die polnischen Opfer auf die Anwesenheit von Ministerpräsident Wladimir Putin bei den Gedenkfeierlichkeiten in Katyn am 7. April zurück. Schon an diesem Tag hatte Putin bei vielen Polen tiefen Eindruck hinterlassen. Russlands Regierungschef hatte erstmals zusammen mit seinem polnischen Kollegen Donald Tusk der 1940 vom sowjetischen Geheimdienst ermordeten polnischen Offiziere gedacht. Putin habe den Schrecken dieses Ortes begriffen und habe verstanden, was das sowjetische Russland den Polen angetan habe, sagte Sikorski.

Mit einer Vielzahl von Gesten drückte Russland sein Mitgefühl aus. Prominent präsentierten russische Medien, wie der oft als gefühlskalt beschriebene Putin den polnischen Regierungschef Donald Tusk in die Arme nimmt. Das Bild der beiden Männer in inniger Umarmung brachte die Moskauer Zeitung Kommersant auf der Titelseite – als Symbol und Chance für eine polnisch-russische Versöhnung. Viele Zeitungen erschienen mit schwarzem Rand als Zeichen der Trauer.

Der Friedensnobelpreisträger und Ex-Sowjetpräsident Michail Gorbatschow lobte die russische Führung als vorbildlich, sowohl menschlich als auch bei der organisatorisch-technischen Abwicklung der Unglücksfolgen. In der russischen Hauptstadt trafen viele Angehörige der mehr als 90 Opfer ein, um die Toten zu identifizieren und gemeinsam mit psychologischem Beistand zu trauern. Medwedjew veröffentlichte seine TV-Rede an das polnische Volk im Internet auf Polnisch. Das russische Fernsehen wiederholte einen in Russland lange verbotenen Film über Katyn und verzichtete am Montag auf Werbung und Unterhaltung. Russland verneigte sich vor den Polen.

Nach dem Unglück in Smolensk nahe Katyn hatte es in Moskau Ängste vor neuen Gräben zwischen Polen und Russen gegeben. "Möglich, dass sich beide Seiten endgültig voneinander abwenden", schrieb die Zeitung Wedomosti.

Kann der Tod des scharfen Russland-Kritikers Lech Kaczynski in einer russischen Maschine nach russischer Reparatur und dann noch ausgerechnet in Katyn, dem russischen Ort eines Sowjetmassakers an polnischen Offizieren starben, ein Zufall sein?

Weil Präsident Dmitrij Medwedjew und sein Regierungschef Wladimir Putin wohl genau solche Fragen befürchteten, beteuerten sie demonstrativ vor dem Staatstrauertag am Montag, in Trauer und Schmerz mit Polen vereint zu sein.

Beobachter rechnen nun mit einer Beschleunigung der politischen und wirtschaftlichen Annäherung. Putin und Medwedjew wollten den Impuls zur Versöhnung nutzen, der von dem gemeinsamen Gedenken ausgehe. Allerdings habe dies weniger mit dem Tod Kaczynskis zu tun als mit einem Umdenken Russlands gegenüber seinem einstigen Satellitenstaat.

"Russland hat offenbar vor einiger Zeit entschieden, dass es zu schwierig ist, Polen im Umgang mit der Europäischen Union oder mit Deutschland zu übergehen", sagt Eugeniusz Smolar vom polnischen Zentrum für Internationale Beziehungen. Die Regierung in Moskau werde deshalb nicht aufhören, sich gegen die von Polen unterstützte US-Raketenabwehr oder eine weitere Nato-Erweiterung nach Osten zu wenden. Aber Russland sei zur Einsicht gelangt, dass Polen ein wichtiges Land sei und entsprechend behandelt werden müsse.

Quelle: ZEIT ONLINE, dpa, Reuters

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