Politik : Russischer Einmarsch in Tschetschenien ist nur Frage der Zeit

Elke Windisch

Obwohl die Armee auch auf diesen Konflikt schlecht vorbereitet ist, soll sie bis zum 10. Oktober die Militäroperation durchführenElke Windisch

Die Vorbereitungen für einen neuerlichen Landkrieg gegen die aufmüpfigen Tschetschenen laufen auf Hochtouren. Zwar füttert der Generalstab hiesige Medien täglich mit Meldungen über erfolgreiche Bombenschläge gegen Basen der Extremisten. Doch sie überzeugen nicht einmal militärische Laien. Kein Mensch vermag einzusehen, wieso die Kampfkraft der Gotteskrieger durch die Zerstörung des staatlichen Fernsehzentrums in Grosny geschwächt wird. Dessen Programmpolitik bestimmt allein Präsident Aslan Maschadow und nicht dessen Opposition. Auch die Vernichtung von Ölförderanlagen, womit man die wichtigste Einnahmequelle der Extremisten austrocknen will, dürfte kaum die beabsichtigte Demoralisierung bewirken: Die Ölvorkommen liegen dicht unter der Erdoberfläche, und die Förderanlagen sind primitivste Konstruktionen, die in wenigen Stunden erneuert werden können.

Tatsächlich hat Moskaus Luftkrieg bis jetzt nur Flüchtlingsströme in Bewegung gesetzt, die Russland in seinen Grundfesten erschüttern könnten. Eine Umkehr ist trotz massiver internationaler Proteste eher unwahrscheinlich. Entweder jetzt oder nie, heißt es im russischen Generalstab angesichts nationalistischer Massenhysterie. Nachdem seit Mittwoch früh Panzereinheiten und Artillerie strategisch wichtige Höhen nahe der dagestanisch-tschetschenischen Grenze besetzt halten, nennen Eingeweihte bereits das genaue Datum für den Einmarsch - den 10. Oktober.

Russland habe genug Geld für einen Landkrieg, brüstet sich in aller Öffentlichkeit der Bewaffnungschef der russischen Streitkräfte, Generaloberst Sitnow. Zwar ließ die Duma den Haushalt für das kommende Jahr in erster Lesung durchfallen. Doch für drastische Erhöhungen des Kriegsetats, der im laufenden Finanzjahr 27 Prozent des gesamten Budgets verschlingt, optierten alle Fraktionen in seltener Einmütigkeit.

Bewaffnungschef Sitnow rechnet fest damit, dass sich im kommenden Finanzjahr allein der Umfang der Staatsaufträge für die Rüstungsindustrie, der gegenwärtig 24 Milliarden Rubel ausmacht, verdoppeln wird. Russlands Armee, die sich allzu lange für einen "großen Krieg" mit der Nato rüstete und auf regionale Konflikte und Guerillakämpfe dagegen denkbar schlecht vorbereitet ist, brauche hochmoderne Nachtsichtgeräte und lenkbare Geschosse mit Laser-Zielerkennung. Dazu Munition für Granatwerfer, Präzisionswaffen für Scharfschützen und moderne Kommunikationstechnik.

Allein für Umrüstung und Modernisierung der Bewaffnung soll Russlands Steuerzahler daher im kommenden Jahr 28 Milliarden Rubel berappen. Weitere 16 Milliarden sind für Forschung geplant, 3 Milliarden für Wartung und Reparatur.

Experten geben zu bedenken, dass Russlands Armee selbst nach massiven Geldinfusionen mindestens zwei Jahre braucht, um den neuen Anforderungen auch nur halbwegs gerecht zu werden. Gegenwärtig entsprechen einschlägigen Kriterien ganze 25 bis 30 Prozent der gesamten Kriegstechnik. Voll einsatzbereit sind momentan lediglich 60 Prozent aller Schiffe und 50 Prozent der Kampfflugzeuge. Zwei von drei Hubschraubern und drei von vier Panzern taugen wegen Ersatzteilproblemen nur zur Abschreckung. Durch den permanenten Benzinmangel hat gegenwärtig weniger als ein Fünftel aller Kampfflieger das vorgeschriebene Minimum an jährlichen Pflichtflugstunden absolviert.

Einschlägige Mängel wirkten sich schon bei den Kämpfen in Dagestan verheerend aus. Immerhin brauchten die Regierungstruppen Wochen, um mit angeblich 2000 Kämpfern fertig zu werden. Tschetschenien dürfte eine noch härtere Nuss werden. Experten gehen davon aus, dass Russland bei einem Landkrieg bis zu 50 000 Kämpfer gegenüberstehen, die modernste Technik direkt bei den klammen russischen Rüstungsbetrieben kaufen. So jedenfalls behauptet das tschetschenische Verteidigungsministerium. Nach der allgemeinen Mobilmachung wurde allein die Nationalgarde durch 10 000 Reservisten aufgefüllt, angeführt von den Gruppierungen der Feldkommandeure.
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