Politik : Russischer Ex-Spion vergiftet

Nach Anschlag in London ermittelt Scotland Yard

Jens Mühling

Berlin - Es klingt wie eine Geschichte aus den Hochzeiten des Kalten Krieges. Ein russischer Ex-Spion trifft sich in einer Londoner Sushi-Bar konspirativ mit einem italienischen Informanten – und wird kurz darauf mit einer lebensbedrohlichen Vergiftung ins Krankenhaus eingeliefert. Hinter dem Anschlag, sagt der Mann, stecke die russische Regierung – die die Aufklärung des Mordes an einer regimekritischen Journalistin verhindern wolle. Nun ermittelt Scotland Yard.

Alexander Litwinenko, ein ehemaliger Mitarbeiter des KGB und des russischen Nachfolgedienstes FSB, hatte sich am 1. November in einer Sushi-Bar am Londoner Picadilly Circus mit einem italienischen Universitätsdozenten getroffen, der ihm konspirativ mehrere Dokumente überreichte. Der britischen „Daily Mail“ zufolge ging Litwinenko davon aus, mit den Dokumenten einen Beleg dafür gefunden zu haben, dass die Journalistin Anna Politkowskaja Anfang Oktober von vier FSB-Mitarbeitern getötet wurde. Als Litwinenko kurz nach dem Restaurant-Besuch übel wurde, erbrach er das zuvor eingenommene Essen – was ihm offenbar das Leben rettete. Nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus wurde britischen Ermittlern zufolge eine Thallium-Vergiftung festgestellt. Scotland Yard erklärte gegenüber der Presse, der Zustand des Mannes sei „ernst, aber stabil“.

Die „Daily Mail“ zitierte zudem nicht näher benannte „Freunde und Unterstützer“ des Ex-Agenten, die sich überzeugt zeigten, dass Litwinenko auf Veranlassung Wladimir Putins vergiftet wurde. Gemeint sein dürfte das Umfeld des russischen Exil-Oligarchen Boris Beresowskij, als dessen Vertrauter Litwinenko gilt. Beide Männer leben mit politischem Asyl in Großbritannien und sind als vehemente Putin-Gegner bekannt. Beresowskij hat wiederholt bekräftigt, aus dem Exil heraus auf einen Regimewechsel in Russland hinzuarbeiten.

Litwinenko war Ende der neunziger Jahre nach einer Auseinandersetzung mit dem damaligen FSB-Chef Putin aus dem Dienst entlassen worden und lebt seit 2001 in London. In der Vergangenheit war der geschasste Spion mehrfach mit Putin-kritischen Thesen an die Öffentlichkeit gegangen. Unter anderem brachte Litwinenko Ende 1999 ein dem Vernehmen nach von Boris Beresowskij finanziertes Buch heraus, in dem er behauptete, der FSB habe im September 1999 Sprengstoffanschläge auf Moskauer Hochhäuser fingiert, um Putin eine Rechtfertigung für den zweiten Tschetschenien-Feldzug zu liefern.

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