Politik : Russland: Als Gorbatschow die Macht verspielte

Elke Windisch

Beim Treffen zum zehnten Jahrestag des August-Putsches gegen Michail Gorbatschow waren mehr Journalisten als Teilnehmer vertreten: Ganze 200 Moskauer kamen am Sonntag zum Weißen Haus, dem damaligen Sitz des russischen Parlaments, in dem sich die Reformer um den russischen Präsidenten Boris Jelzin verschanzt hatten. Gut die Hälfte der Demonstranten vom Sonntag waren Kommunisten. Auf Transparenten bekundeten sie, dass die Handlungen des Notstandskomitees stalinistischer Altkader, die den damaligen sowjetischen Präsidenten Gorbatschow unter Hausarrest stellten, richtig gewesen seien.

Demokraten dagegen warfen der gegenwärtigen russischen Führung, die bei der Kundgebung am Sonntag nur durch Arbeitsminister Alexander Potschinok vertreten war, vor, die Ereignisse von August 1991 nicht gebührend zu würdigen. Sie forderten den russischen Präsidenten Putin auf, den 19. August zum Staatsfeiertag zu erklären. Gegenwärtig würde die Mehrheit der Russen jedoch weder das Notstandskomitee noch die Demokraten unterstützen. Bei einer landesweiten Umfrage am 11. August gaben nur 28 Prozent zu Protokoll, dass ihre Sympathien Jelzin gehörten, 13 Prozent dagegen würden heute auf der Seite der Putschisten stehen. Wenn diese sich hätten behaupten können, wäre die UdSSR nicht zerfallen, meinten weitere 20 Prozent.

Zur Erhaltung der Sowjetunion hätte es auch nach dem Putsch noch Möglichkeiten gegeben, meinte dagegen einer der engsten Kampfgefährten Gorbatschows, Alexander Jakowlew, damals Ideologie-Sekretär im KPdSU-Zentralkomitee in einem Interview für die Nachrichtenagentur "Interfax". Unmittelbar nach dem Ende des Putsches hätte die sowjetische Staatsführung über ein Modell beraten, das den Umbau der Union zu einer Konföderation vorsah. Gorbatschow, so Jakowlew weiter, hätte damals durchaus noch über die notwendigen Ressourcen verfügt, um die Initiative wieder an sich zu reißen und Jelzin matt zu setzen.

Ähnlich äußerte sich auch Russlands Ex-Vizepräsident Alexander Ruzkoj. Er gehörte im August 1991 zu den engsten Weggefährten Jelzins. Im Oktober 1993 jedoch, als Jelzin das Parlament mit schwerer Artillerie auflösen ließ, stand er auf Seiten der Volksvertreter, die ihn zum Gegenpräsidenten gewählt hatten. Die Chancen für den Erhalt der Union hätten nach dem Putsch bei 50 : 50 gestanden, sagte Ruzkoj "Interfax". Gorbatschow hätte durch seine Passivität die Macht "vergeigt".

Eine weitere Ex-Ikone der Demokraten - Ruslan Chasbulatow, der ebenso wie Ruzkoj zwei Jahre später zu den Rädelsführern des "Putsches" gegen Jelzin gehörte - bescheinigte dem Notstandskomitee von August 1991 "humanes Verhalten". "Wenn Putschistenführer Janajew mit Jelzin so umgesprungen wäre, wie der im Oktober 1993 mit uns, wäre von uns nicht mal ein nasser Fleck übrig geblieben," sagte Chasbulatow dem Tagesspiegel.

Janajew selbst hält den Putsch weiter für richtig. Der Ausnahmezustand sei angesichts der von Gorbatschow heraufbeschworenen "totalen Krise" die letzte Chance gewesen, die Union zu retten. Das, so Gorbatschow selbst gegenüber "Interfax", sei für die Nomenklatura nur ein Vorwand gewesen, um Ämter und Privilegien zu behalten. Dazu hätten die Putschisten ihn schon zuvor systematisch diskreditiert und getäuscht.

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