Russland : Betroffenheit über Mord an Journalistin

Der Mord an der mehrfach preisgekrönten russischen Journalistin Anna Politkowskaja hat weltweit Trauer und Betroffenheit ausgelöst. Doch Fachleute zweifeln, ob die Tat jemals aufgeklärt wird.

Moskau - Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) sprach von "einem tragischen und zutiefst schockierenden Verlust" und forderte von Russland die schnellstmögliche Ergreifung der Täter. Die US-Regierung äußerte sich "schockiert und tief traurig über den brutalen Mord". Politkowskaja war am Samstag in ihrem Haus in der Moskauer Innenstadt erschossen worden. Mit ihrer regierungskritischen und mutigen Berichterstattung vor allem über den Tschetschenienkrieg hatte sich die Journalistin weltweit einen Namen gemacht.

Der amtierende OSZE-Präsident Karel de Gucht verurteilte den Mord an Politkowskaja und erklärte, die 48-Jährige sei eine der wichtigsten politischen Journalistinnen in Russland gewesen. Der Europarat in Straßburg zeigte sich ebenfalls schockiert: Er sei "zutiefst beunruhigt über die Umstände" von Politkowskajas Tod, erklärte Generalsekretär Terry Davis. Die Journalistin habe "herausragenden Mut und Entschlossenheit" gezeigt. Eine starke Stimme wie ihre sei "unerlässlich in jeder echten Demokratie". Die USA forderten von Russland "unverzügliche und gründliche Ermittlungen", ähnlich äußerte sich die britische Regierung. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (ai) erklärte, die Journalistin sei "wegen ihres Berufs ins Visier geraten". Der menschenrechtspolitische Sprecher der Grünen, Volker Beck, äußerte "große Sorge" über den Zustand der russischen Demokratie. "Ich habe kein Vertrauen in die russischen Behörden, dass dieser Mord tatsächlich objektiv aufgeklärt wird", erklärte er in Berlin.

Im Wohnhaus erschossen

Unbekannte erschossen Politkowskaja, als sie am Samstag in ihrem Haus in der Moskauer Innenstadt aus dem Aufzug trat, wie russische Nachrichtenagenturen unter Berufung auf die Polizei meldeten. Neben der Leiche seien eine Pistole und vier Patronenhülsen gefunden worden. Die streitbare Journalistin wurde demnach mit drei Schüssen niedergestreckt; eine vierte Kugel schoss ihr der Täter in den Kopf. Der stellvertretende Staatsanwalt Wjatscheslaw Rosinski sprach von Hinweisen auf einen "gezielten Mord".

Politkowskaja arbeitete nach Angaben ihres Arbeitgebers zuletzt an einem Artikel über Folter in Tschetschenien. "Wir haben Material für die Montagsausgabe erwartet", sagte der stellvertretende Chefredakteur der Zeitschrift "Nowaja Gaseta", Witali Jaroschewski, dem Fernsehsender NTW. Chefredakteur Dmitri Muratow sagte, Politkowskaja habe zahlreiche "höchst wichtige" Fotos zu ihrem Artikel gehabt. Ein Teil ihrer Aufzeichnungen werde veröffentlicht werden.

Eine der wenigen kritischen Stimmen

Politkowskaja befasste sich als eine der wenigen Journalisten ihres Landes immer wieder mit Gräueltaten tschetschenischer Aufständischer und russischer Sicherheitskräfte, aber auch mit Korruption in der russischen Armee. Damit hob sie sich deutlich von den meisten anderen russischen Medien ab, die sich vor allem seit dem Amtsantritt von Präsident Wladimir Putin im Jahr 2000 kaum noch kritisch äußern. "Man hatte ständig das Gefühl, dass ihr etwas zustoßen würde", sagte Oleg Panfilow von der Vereinigung Journalismus in Extremsituationen. "Wenn mich jemand fragte, ob es so etwas wie Aufrichtigkeit im russischen Journalismus gebe, sagte ich: 'Ja - Anna Politkowskaja'."

Im Januar 2000 erhielt die Journalistin den Goldenen Preis der Russischen Journalisten-Union, im Februar 2003 den Preis Journalismus und Demokratie der OSZE. 2004 gab es Hinweise darauf, dass ihr auf dem Weg nach Beslan, wo sie über das Geiseldrama in einer Schule berichtete, Gift verabreicht wurde. Politkowskaja schrieb auch mehrere Bücher, darunter "Tschetschenien - Die Wahrheit über den Krieg". Sie hinterlässt zwei erwachsene Kinder. (tso/AFP)

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