Russland : Entsetzen über Angriff auf Reporter

Russischer Journalist nach Gewalttat im Koma: Journalisten fordern von Präsident Dmitri Medwedew, die Schuldigen für den brutalen Überfall auf ihren Kollegen Oleg Kaschin zu finden und zu bestrafen.

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Kaschin wurde vor seiner Wohnung brutal zusammengeschlagen.
Kaschin wurde vor seiner Wohnung brutal zusammengeschlagen.Foto: AFP

Moskau - In einem offenen Brief an den Präsidenten fordern die Unterzeichner, darunter zahlreiche Chefredakteure, „ein Recht auf die Ausübung unseres Berufes“.

Als Kaschin in der Nacht zu Samstag in seine Wohnung in der Moskauer Innenstadt zurückkehren wollte, warteten zwei Unbekannte mit einem Blumenstrauß in der Hand auf ihn und schlugen ihn zusammen. Dass die Täter ihr Opfer nicht ausraubten und Kaschin neben Kiefer und beiden Unterschenkeln auch die Finger brachen, werten Kollegen als Indiz für einen Racheakt. Einer seiner Finger musste teilweise amputiert werden, die Ärzte versetzten ihn nach einer Notoperation in ein künstliches Koma.

Der 30-Jährige, der sich vor allem mit Reportagen über soziale Proteste für die einflussreiche überregionale Tageszeitung „Kommersant“ einen Namen machte, hat beste Kontakte zu sogenannten „informellen Gruppen“: Organisationen der Zivilgesellschaft, die sich für Menschenrechte und Umweltschutz engagieren. Kaschin hatte zuletzt über eine der in Russland gegenwärtig am meisten diskutierten Umweltsünden geschrieben.

„Dieses ungeheure Verbrechen hängt klar mit seinem Beruf zusammen“, sagte „Kommersant“-Chefredakteur Michail Michajlin über den blutigen Anschlag. Die Organisation Reporter ohne Grenzen (RSF) bezeichnete Kaschin als „einen der brillantesten und mutigsten Journalisten seiner Generation“ und forderte eine unabhängige Untersuchung.

Zwar meldete sich Medwedew per Twitter bereits zu Wort. Er habe dem Generalstaatsanwalt und dem Innenminister persönlich die Leitung der Ermittlungen anvertraut, die Täter müssten gefunden und bestraft werden. Ähnliches indes hörte die Nation schon des Öfteren, sowohl von Medwedew als auch von dessen Amtsvorgänger Wladimir Putin.

Seit dem Ende der Sowjetunion im Dezember 1991 wurden in Russland mehr als 200 Journalisten ermordet, mehrere hundert verletzt. Doch nur wenige Fälle wurden bisher aufgeklärt. Obwohl Putin nach den tödlichen Schüssen auf Anna Politkowskaja 2006 zugab, der Mord an der auch im Ausland sehr bekannten Starjournalistin habe „das internationale Russland-Bild mehr beschädigt als alles, was sie geschrieben hat“.

Politkowskaja stand an ziemlich prominenter Stelle auf einer Liste mit den Namen von mehr als 200 „Feinden Russlands“, die eine inzwischen verbotene rechtsradikale Organisation 2005 zum Abschuss freigegeben hatte. Beim Überfall auf Kaschin führen die Spuren womöglich zu einer staatsnahen patriotischen Jugendbewegung. Auf deren Internetportal stand kurzzeitig auch eine Liste mit Namen von Oppositionspolitikern, Bürgerrechtlern und kritischen Journalisten, die „bestraft werden müssen“. Auch Kaschins Name stand dort. Konkrete Drohungen, so seine Ehefrau gegenüber dem staatsnahen TV-Sender NTW, habe er bisher jedoch nicht erhalten. Elke Windisch

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